Zustimmung und Freunde als Schnäppchen

Bei meinen Social-Media-Accounts, wie Twitter, Google+ und Co. auf neudeutsch heißen, ist es sehr aufgeräumt und übersichtlich. Was wahrscheinlich daran liegt, dass ich ein sehr einsamer Mensch sein muss, denn ich habe kaum Follower und nur ganz wenige Plusse. Likes. habe ich in Ermangelung eines Facebook-Accounts gar nicht.

Ich habe mir schon vor einigen Jahren mal die Frage gestellt, ob man das Zeug und anderes zum Überleben benötigt. Nüchtern betrachtet ist das Meiste, was in diesen Medien steht Information, die allenfalls das ganz Enge Umfeld interessieren könnte. Oder den Paparazzi den Tag versaut, weil man sein eigenes Klatschmagazin mit entsprechenden Bildern hat.

Letzteres birgt alle Vor- und Nachteile. Ich habe zwar die Kontrolle über die Inhalte, aber wenn ich keine Kontrolle über die Inhalte habe, weil ich etwas sorglos, angeheitert, oder sonstwie nicht ganz Herr meiner Sinne bin, kann das brutalstmöglich medial nach hinten los gehen. Wenn beispielsweise ein Herr Schweinsteiger ein Bild von sich postet, das ihn vor dem Spiel zeigt, frage ich mich, wie er das so gut ausgeleuchtet und perfekt posend am Strand alleine hinbekommen haben könnte. Ein Selfi ist es jedenfalls nicht. Hier ist sich einer der Risiken bewusst und sorgt für zumindest einen weiteren, der mal kurz draufschaut, bevor es in die Weiten des Netzes geht.

Wer sich eher unter denen aufhält, die nicht zur Zielgruppe der Klatschpresse gehören, was das darüber berichten betrifft, für den gibt es dennoch die Möglichkeit, sich wenigstens geliebt zu fühlen. Früher war Freunde kriegen entweder ziemlich zeitintensiv und aufwändig oder vergleichsweise teuer. Alle Ecke Parties schmeißen, damit man das Gefühl hat, die wären alle wegen mir hier, geht ganz schön ins Geld.

Heute geht man in den Fanshop. Nicht vom Verein, sondern dem, der meine eigenen Fans betreut, von denen ich lediglich nur noch nicht weiß, dass ich sie habe. Wie viele das sind, erfahre ich ab 20 € für 1.000 Facebook-Likes, oder noch günstiger für 15 € für 1.000 Twitter-Follower. Google+ ist elitärer, da kosten 1.000 Plusser 35 € und wenn ich erfahren will, wer mein YouTube-Video-mag, erfahre ich das pro 1.000 Leute für 5 €. Mein Fanclub-Shop verrät mir auch Instagram-Follower, StubleUpon, MixCloud- und SoundcloudPlays im 1.000er Pack.

Wenn ich gegen Überweisung des passenden Geldbetrages nachfrage, bekommen meine Fans alle einen Tipp vom Fan-Shop, wo sie mich finden und — ratzfatz — entdecken die meinen Account und finden toll, was ich da absondere. Wenn ich ganz viele neue Fans will, gibt es sogar Rabatt. Das ist Freundschaft und Zustimmung zum Schnäppchen-Preis.

Allerdings habe ich kleiner Doofi, der seinen Kopf nicht nur als Stöpsel für den Hals mit sich herum trägt, damit es dort nicht hinein regnet, so ein paar wirre Gedanken:

  • Welche Aussagekraft haben Likes, Plusses und Follower-Zahlen, wenn ich sie mir im Tausenderpack bestellen kann?
  • Was passiert wohl, wenn diejenigen, die mich angeblich geliked, geplust oder gefollowed haben, mal wirklich vorbei schauen?
  • Was sagen die wenigen, die mich richtig kennen, wenn mein Zähler plötzlich durch die Decke geht, mein richtiges Leben aber weiterhin in den gleichen Bahnen wie vorher läuft?
  • Was sagen meine Bekannten, wenn sie feststellen müssen, dass sie keinen der Neuzugänge kennen, was in einem realistischen Bekanntenkreis irgendwie befremdlich ist?

Allerdings ist das mit dem Bekanntenkreis in den Social Media so eine Sache. Im oben zitierten Beitrag habe ich geschildert, was ich mit eigenen Ohren schon gehört habe. Wer sich liked kann den wirklichen Beziehungsstatus gar nicht bewerten, weil man den jeweils anderen womöglich gar nicht kennt. Tolle Sache: Tausend Gäste für die man zahlt, aber man kennt keine Sau.

Da freu ich mich doch über die paar Follower bei Twitter und Google+, die mir nachsehen, dass mein Leben aus anderen Dingen als Tweets und was weiß ich wie man das nennt-Beiträgen bei Google+ besteht. Die kenne ich, mit wenigen Ausnahmen, sogar aus dem echten Leben. Sie haben alle mehr als ein paar Milli-Cent gekostet, beispielsweise Lebenszeit für ein nettes Gespräch.

Aber — da bin ich wirklich altmodisch — die sind halt durch und durch echt. So muss jeder selbst sehen, was ihr oder ihm wichtig ist. Masse statt Klasse, oder klasse: Masse.

Für letzteres steht die Mail, die ich heute im Postfach hatte:

Sehr geehrte Damen und Herren,
da Sie in einem Bereich tätig sind, in dem Social-Media eine enorm wichtige Rolle spielt, würden wir uns als Marktführer im deutschsprachigen Raum sehr freuen, Ihre Social-Media-Präsenz zu verbessern oder optimal an Ihre Bedürfnisse anzupassen […]

Begeisterung, Zuneigung und Freundschaft halte ich für unkäuflich, das muss man sich stetig neu erarbeiten. Das geht nicht mit beliebig vielen, aber das ist auch gut so.
So gesehen gibt es an meiner Social-Media-Präsenz nicht zu verbessern, denn sie ist bereits optimal auf meine Bedürfnisse angepasst.

Beim Satz mit den Worten Fans kaufen habe ich die Adresse in meine Spam-Liste aufgenommen und die Mail gelöscht. Ich habe keine Probleme mit Fans, aber ich will mir sicher keine kaufen.


Wenn sich jetzt jemand fragt, warum ich das nicht beispielsweise bei Google+ schreibe:

  1. Weil ich es kann.
    Es gibt Leute, die haben zu Facebook & Co. keine Alternative. Deshalb werden diese Zugänge z.B. in der Türkei behindert oder blockiert. Viele Einzelne blockieren ist aber erheblich aufwändiger, als eine zentrale Anlaufstelle für Viele.
  2. Weil ich das nicht für Plusse mache, sondern einfach so.
  3. Meine Meinung ist nicht von fehlender oder gegebener Zustimmung abhängig.
  4. Die Zustimmung oder Ablehnung anderer sollte Einzelne nicht davon abhalten, sich unbeeinflusst eine eigene Meinung zu bilden.
  5. Wenn ich die Meinung anderer für, zu oder über etwas möchte, dann hole ich mir sie aktiv und vor allem von Leuten, deren Meinung mir im jeweiligen Punkt wichtig ist.
  6. Wer Fliegen fragt, ob Scheiße schmeckt, sollte sich nicht über die Antwort wundern. Das ist meine robuste Beschreibung für das Problem, dass die Frage an eine beliebige Gruppe zu einer ebenso beliebigen Antwort führt, bzw. zu einer Antwort, der diese willkürliche Gruppe zuneigt. Dass allein die Menge der Befragten Sicherheit schafft, widerlegt regelmäßig die Zuschauerfrage bei Günther Jauch, spätestens, wenn sich der Kandidat schon mit einer Tendenz geäußert hat.