Zeit der Scharfmacher

Größe und Kultur zeigt sich im Umgang mit dem Unfassbaren. Für die Republik ist das eine harte Probe.

A.A. hat sich feige einen Lastwagen geschnappt und Leute totgefahren bzw. verletzt. Auf einem Fest, das ein Ausdruck unserer Kultur darstellt. Dabei spielt es gar keine Rolle, ob man konfessioneller oder traditioneller Kirchgänger, Moslem, Jude, Atheist oder sonst was ist. Es steht für eine offene, herzliche, warme und vor allem freie Kultur. Die haben wir uns — insbesondere mit Blick auf unsere gruselige Geschichte — mühsam erarbeitet.

Jetzt kommt dieser A² und will uns das vergrätzen. Für mich ist ein wichtiges Signal, dass die Reaktion zwar Betroffenheit und Trauer, aber vor allem „jetzt erst recht“ ist. So einer darf es nicht schaffen, unsere teuer erkaufte föderale Gesellschaft zu verunsichern.

Ausgerechnet diese Struktur spielt den A² dieser Welt in die Hände. Offenheit und Unvoreingenommenheit macht angreifbar. Wenn jetzt dumm fragende Reporter und mit anderen Zielen im Hinterkopf polternde Politiker glauben, dass man derart Gestörte mit mehr Überwachung, Obergrenzen, engmaschiger Polizeipräsenz oder anderen, unsere Freiheiten einschränkenden Maßnahmen verhindern könnte, irren sie sich.

Hagen Rether hat es treffend formuliert: Terrorismus ist eine Idee. Ideen kann man nicht wegbomben. Schlechten Ideen kann man nur gute Ideen entgegen stellen. Und Geduld. Unsere Sicherheitsbehörden machen bereits einen ziemlich guten Job. Fraglos ist es bedauerlich, dass ein beobachtetes A² durch die Masche rutscht und das tut, was verhindert werden sollte. Betroffene und Mitfühlende macht es — nachvollziehbar und verständlich — wütend. Die Scharfmacher wollen diese Wut zum Werkzeug ihrer Ideen machen. Die ebenfalls schlechte sind.

Denn mit jedem Stück mehr Misstrauen, Ausspähen, Aufrüstung geben wir im Gegenzug das auf, was unsere wichtiges Gut ausmacht: unsere Freiheit. Wir sollten uns darüber freuen, dass es bei uns im Gegensatz zu anderen Ländern trotzdem außerordentlich sicher ist. Statistisch bewegt sich das persönlich betroffen sein von einem Terroranschlag in Deutschland in der Region eines großen Lottogewinns. Da sind andere Lebensrisiken erheblich wahrscheinlicher.

2015 sind allein in Berlin 48 Menschen im Straßenverkehr umgekommen. Das ist der von uns tolerierte Preis unserer Freiheit. Wäre der LKW „einfach so“ in den Weihnachtsmarkt gefahren, weil z.B. der Fahrer eine Herzattacke hatte, wäre es ebenso tragisch. Wir würden jedoch hinnehmen, dass sowas halt passiert.

Würden uns dann Barrieren und hochgerüstet patrouillierende Polizisten mehr Sicherheit oder wenigstens ein Gefühl davon geben? Wohl eher nicht. Genau das fordern jetzt die Scharfmacher. Sie wollen das Übel ausgerechnet bei denen ausmachen, aus deren Reihen unsere christlich geprägte Kultur entstanden ist.

Wenn die Bibel leidlich stimmt, wurden die Eltern des Religionsstifters von vielen abgewiesen und richtig fies behandelt. Das zentrale Wesen und die Faszination dieser Religion ist genau das Gegenteil von Aggression und Misstrauen gegenüber anderen. Gerade zum Wiegenfest dieses Weltbild-Prägers sollten sich das tumb schwadronierende Politiker und Sensationsreporter in Erinnerung rufen.

In diesem Sinne:
Egal wo Sie sind, egal wen oder was Sie anbeten, eine friedvolle und gesunde Zeit und gute Ideen. Das gern auch weit über die Weihnachtstage hinaus.