Wie ratsam ist ein öffentlicher Rat?

In Berlin ist Ferienanfang und im Radio werden Tipps gegeben, wie man „entspannt zum Ziel“ kommt. Ich zweifle etwas am Wert des Ratschlags.

Weil hier auf den Autobahnen — wie immer zu Ferienbeginn — die Hölle losbricht, will jeder natürlich wissen, wie er sie umgehen kann. Dafür wird dann ein Sprecher des ADAC befragt. Wenn nicht die, wer sonst könnte wissen, wie man dem Herdentrieb der Autofahrer ein Schnäppchen schlagen kann.

Dass der für die Größe des Clubs gesorgt hat und alle Beitragszahler den Ohren-Umfang verdoppeln bei solchen „Ansagen“ sollte dabei beachtet werden. Denn der vermeintlich „nur an mich“ adressierte Geheimtipp, ich solle — wenn ich es einrichten kann — abends fahren, geht natürlich an alle. Was für Pendler durchaus hilfreich sein kann. Denn wenn jetzt alle, die sonst morgens die Autobahn verstopfen, am Abend losfahren, entspannt das.

Wobei das versprochene „entspanntere Fahren“ dann andere haben, als diejenigen, die jetzt in die Koje springen. Vorschlafen. Was zwar nicht geht, aber wenn schon Unsinn machen, dann konsequent. Man ist zumindest nicht so übernächtigt wie der Typ, der dann links oder rechts neben mir auf der Autobahn steht und die Musik laut dreht. Was bei entsprechendem Übernächtigungsgrad auch nicht hilft. Wenn schon Musik, dann welche, die man Scheiße findet. Aber wer packt die schon in den Urlaubskoffer?

Eigentlich sollte man genau das machen, was man nicht machen wollte. Denn wahrscheinlich machen das das viele andere auch nicht. Womit es als Alternative interessant wird. Also vielleicht nicht morgens oder abends, sondern mittags. Das dann vielleicht noch einen Tag später. Denn Urlaub kann ja schon in den eigenen vier Wänden anfangen. Wozu „aus dem Stress, in den Stress“. Für einen Tag mehr am überfüllten Strand? Zurück einen Tag früher kann ebenfalls Wunder wirken. Dann bleibt was von der Urlaubsentspannung. Soweit es überhaupt dazu kommt.

Denn vor lauter „ich muss mich hier erholen“ kommt man womöglich gar nicht runter. Wie geil es ist, müssen alle per SMS, Whatsapp oder Whatever wissen. Was den Puls hoch hält, beim Gedanken an die Rooming-Gebühren. Weil der Jahresurlaub nicht für ein Jahr vorhält, hilft womöglich eine viel trivialere Strategie.

Einfach jeden Tag dafür sorgen, dass man erst gar nicht „urlaubsreif“ wird. Ein vor dem geistigen Auge visualisierter Stinkefinger, kombiniert mit einem zuckersüßen Lächeln: das kann ungemein befreien! Wenn wir das alle machen, werden wir — womöglich — alle entspannter, weil wir uns gegenseitig anlächeln, schlicht netter zueinander sind. Dann wird die die geistige Geste von ganz alleine wegfallen und der Urlaub findet täglich während der Arbeit statt.

Weil das jeder „für sich“ machen kann, in der Außenwirkung davon niemand gestört wird, könnte das sogar funktionieren. Es sei denn, mein Gegenüber kann den „Finger“ sehen. Wer zu Muskelkrämpfen beim Lächeln neigt, sollte das deshalb ggf. erst mal zu Hause vor dem Spiegel üben. Das Lächeln natürlich.