Wie „Fakten“ entstehen

Fokus Online vermeldete gestern, „Millionen Deutsch müssen Heizungen umrüsten“. Das fand ich ganz interessant, weil es mit meinem bisherigen Wissen über deutsche Gasimporte kollidiert. Ein bisschen nachbohren, führte zu interessanten Erkenntnissen. Weniger über Gas, mehr über „wie Fakten entstehen“.

Mein Wissenstand bisher war, dass wir ca. ein Drittel Gas von den Russen bekommen, ein weiteres Drittel aus Norwegen und etwa ein Sechstel selbst produzieren. Nach dem Riesen Adam sind das fünf Sechstel, bleibt noch eins übrig. Meine Erinnerung wird vom Gas-Magazin gestützt. Wobei Russland dort bei 34, Norwegen bei 33 und unsere Eigenproduktion bei 15% liegt (=82%), wenn produziertes Biogas nicht berücksichtigt wird. Jetzt frag ich mich natürlich, was die Niederländer mit den 15% Gas-Überproduktion machen, die hier diesen Zahlen nach, niemand braucht.

Dass die Gaseinkäufe dynamisch von der Wirtschaft erledigt werden und es normal ist, dass mal mehr da, mal mehr dort gekauft wird, bildet der Artikel nicht ab. Ebensowenig, dass es Alternativen zu LNG-Gas aus den USA gibt, bilaterale Abkommen in der EU, seit der Energiekrise 1972 Gasspeicher in Deutschland, die einen Drittel Ausfall ca. ein halbes Jahr puffern könnten, … – schlecht recherchierter und hoch-tendentiöser Artikel. Und dann auch noch so aktuell: Erdbeben 2012, Meldung 23.05.2017 – da war man aber wieselflink in der Redaktion.

Abgesehen davon, dass der Brennwert dieses Artikels vergleichbar mit dem eines Glases Wasser ist, hat mich interessiert, wie so eine Meldung entsteht. Eine Ecosia-Suche1 nach „Niederlande Gasexport Deutschland“ ergab eine interessante Trefferliste:

Sputniknews beruft sich auf die Meldung bei Focus Online, kommt jedoch zu anderen Ergebnissen. Vorzugsweise Russland als Ersatzspieler, was am Herausgeber von Sputnik liegen könnte. Dort findet sich jedoch ein Verweis auf…

PR Online berichtete bereits einen Tag früher von der „Katastrophe vom 16. August 2012 in Huizingen“, bei der die Erde mit 3,4 auf der nach oben offenen Richterskala bebte. Die Ausführlichkeit und eine genannte Informationsquelle lassen Vermutungen aufkommen, wer da wem was erzählt hat und warum. Zumindest würde es mich nicht wundern, wenn Thyssengas demnächst mit einem „US-Megadeal zum Wohle des Gaskunden in NRW“ hausieren geht.

News.de verweist bei seinem Artikel auf die „Rheinische Post“ (= RP Online) und extrahiert aus deren Artikel etwas unmotiviert und unambitioniert ein paar Aussagen, um dann auf Facebook etc. zu verweisen, damit man an Gewinnspielen teilnehmen kann oder zu einer bocklosen Redaktion einen „Draht“ hat.

Bemerkenswert ist die bei der Suche gefundene Statistik des bayrischen Außenwirtschaftsportals. Demnach exportieren wir für rund 2.5 Billionen Euro Gas in die Niederlande um im Gegenzug für 7.6 Billionen welches zu importieren. Das lässt zwar keine direkten Rückschlüsse auf die Gasmenge zu. Wenn jedoch 7.6B€ das zitierte Drittel wäre, kommen (ganz grob überschlägig) die 18% heraus, die es in meiner Eingangsrechnung noch zu verteilen gab.

Mehr kommt nicht zum Thema. Die Suchergebnisse driften dann Richtung Fußball, Tourismus, etc. ab. Bei der im Artikel unterstellten Relevanz – 33% der Gasversorgung Deutschlands ist ja was – würde ich mehr Nachhall erwarten. Ob es aufgrund anderer, reißerischer Optionen im Tagesgeschäft bei anderen Redaktionen unter die Räder kam, oder die es sich für 2020 aufheben, wenn es zur prognostizierten Gas-Krise kommt – ich weiß es nicht.

Was den Anteil an belastbaren Fakten des Artikels betrifft, habe ich jedoch einige Schwierigkeiten, die daraus gezogenen Folgerungen zu verstehen. Denn die sind einige von vielen Möglichkeiten, auf jeden Fall nicht die einzigen. Selbst wenn sich das so mancher Reporter im Zeitalter der durch Angela höchstselbst ausgerufenen „Alternativlosigkeit“ wünschen mag.

Worauf ich keine Antwort gefunden habe: Huizingen liegt lt. Google-Maps in Belgien. Eine Suche nur nach dem Ortsnamen liefert vergleichbare Resultate. Die „Region Groningen“ in den Niederlanden ist mehr als 300km entfernt und – vor allem – in einem anderen Land. Außerdem hat Belgien eine direkte Grenze zu NRW. Warum kommt das Gas von dort dann aus den Niederlanden?


  1. Ein Teil der Werbeeinnahmen fließen in die Wiederaufforstung von Wäldern. Die Suche basiert auf Bing von Microsoft. ↩︎