Wer braucht „Zoom“?

Wie hat das eigentlich „früher“ funktioniert, als wir uns augenscheinlich noch gegenseitig mit Steintafeln beworfen haben? Videokonferenzen sind eine (weitere) neue Seuche.

Gerade regen sich wieder diverse Leute über die Mängel beim Videodienst „Zoom“ auf. Dabei ist – wie immer – die größte Sicherheitslücke der Mensch. Die „lustigen“ Ausschnitte von durch's Bild laufenden Mitbewohnern im Schlüpper, den Nase-popelnd gelangweilten Kollegen, …, diese Filmchen stellen Menschen bei YouTube ein und verletzten damit die Privatsphäre, teilweise sogar die Menschenwürde ihrer Video-Partner.

Konferenzen ohne Zugangsbeschränkung sowie Anwesenheitskontrolle durchführen ist ebenfalls ein menschliches Versäumnis. Ebenso wie die offenkundige Unfähigkeit diverser Einladenden, wahlweise die ganze Konferenz oder selektiv den Störenfried zu unterbrechen, wenn eine Video-Zusammenkunft unangemessen missbraucht wird. Autofahren ohne Führerschein ist eine Ordnungswidrigkeit, Softwarenutzung ohne Handbuch-Lesen leider zulässig, also lediglich strunzblöd.

Das eigentliche Problem ist ein völlig anderes. Die vermeintlich so schnell eingerichteten Video-Konferenzen sind in den meisten Fällen schlicht Chaos-Veranstaltungen. Da sitzen größtenteils Leute mit bestenfalls bedingt geeigneter Technik in mehr oder weniger öffentlichkeitstauglicher Umgebung herum, die sie mit anderen unter gleichen Bedingungen teilen. Keiner hat erklärt, welche Voraussetzungen für das Gelingen einer Video-Zusammenkunft zwingend sind. Was in letzter Konsequenz zu vielfachem, sinnlosen Verbrennen von Lebenszeit führt.

Als Faustformel lässt sich festhalten: Wenn „normale“ Meetings üblicherweise verspätet, zu lang, unstrukturiert, weitestgehend Monologe Einzelner vor einer Raschelbande sind, ist eine Videokonferenz so überflüssig wie ein Kropf am Hals. Die beschriebenen Meetings im Grund gleichermaßen…

Das lässt sich effizienter mit dem Bereitstellen einer Videobotschaft à la Mutti Merkel machen. Wobei „Ansagen schriftlich rumschicken“ noch zielführender wäre. Darin lässt sich problemlos jederzeit die ausgerufene Losung nachschlagen. Die Abkehr davon könnte in diversen Fällen vielleicht daran liegen, dass »aufschreiben« zu tendenziell unerwünschter Nachprüfbarkeit führt. Was mit dem Scheinargument kaschiert werden kann, »lesen müssen« sei unhipp.

Wenn kein Bildchen wackelt, lässt sich bei einer wachsenden Zahl Mitmenschen keine Aufmerksamkeit generieren. Doch wackelnde Bilder binden diese Aufmerksamkeit, die dem gesprochenen Wort zukommen sollte. Letztendlich kommt es maßgeblich darauf an. Gegen die inhärente Ablenkung bei Videokonferenz durch mosaikartig zusammengeschaltete Teilnehmer-Bildchen, verdeckt möglichem Chat sowie außerhalb des Bildes auf dem Schreibtisch liegenden Mobiltelefon mit offenem WhatsApp sind gesprochene Worte im Rahmen dieser Veranstaltungen weitestgehend chancenlos. Selbst „Wollende“ scheitern regelmäßig an der üblen Tonqualität.

Unter dem Gesichtspunkt der „Fokussierung“ sollten deshalb „aus der Ferne“ wirklich wichtige Sachen bevorzugt am klassischen Telefon oder per E-Mail erledigt werden. Letzteres hat den Vorteil, dass sich der Schreibende sorgfältig überlegen kann (bzw. sollte), was an die Lesenden geht. Empfangende können sich mit keinerlei Ablenkung rechtfertigen, weil zeitnahe Wiederholungen system-immanent sind: Halt nochmal lesen.

Bei einem (unerlaubten?) Konferenz-Mitschnitt ist „wiederholen“ zwar ebenfalls möglich. Es ist jedoch erheblich aufwändiger sowie aufgrund mieser Übertragungsqualität in den entscheidenden Teilen typischerweise sinnlos. Was Videokonferenzen in vielen Fällen als Zeitverschwendung überflüssig macht.

Soweit es explizit um das sich sehen geht, mag das etwas anders gelagert sein. Das ist eine durchaus wichtige Komponente in der Zusammenarbeit. Doch sollte ein Video-Meeting dementsprechend genau dafür stattfinden. Ohne weitreichendere Ansprüche, die damit letztendlich unerfüllt bleiben.

Es ist durchaus lohnend, über die Notwendigkeit von »Synchronität« nachzudenken. Der Eindruck, dass in einer Videokonferenz alles jetzt und hier passieren würde, ist – von der Oma winkenden Enkeln abgesehen – ein Selbstbetrug. Im Geschäftsalltag maßgeblich ist weitestgehend ausnahmslos ein Dokument. Sei es eine E-Mail, ein Link zum PDF (in einer E-Mail) oder ein Ticket in einem Service-Management-System (eine E-Mail in strukturierter Darstellung). Oft genug kommt sogar erst deutlich verzögert etwas gedruckt auf Papier ins Haus.

Zweifellos beschleunigt ein Gespräch die Entscheidungsfindung. Doch wie schon »Gespräch« ausdrückt, geht es primär um die Worte. Deren Qualität lässt sich zwar durch Körpersprache abschätzen, doch die ist bei einer Videokonferenz in den meisten Fällen „abgeschnitten“. Wahlweise gibt es Weitwinkel-verzerrte Köpfe oder verhältnismäßig starr vor der PC-Webcam mit Headset fixierte Teilnehmer zu sehen. Der relevante Aspekt „Körpersprache“ wird in beiden Fällen nachhaltig gestört oder ganz ausgeklammert.

Deshalb ist „Videotelefonie“ womöglich subjektiv netter, der vermeintliche „Mehrwert“ ist in vielen Fällen allerdings eigentlich destruktiv: Wenn ich mir bei einer Videoübertragung wie bei einem Telefonat Notizen mache, kann das von der Gegenseite als Ignoranz oder Unhöflichkeit interpretiert werden. Vermeintlich widme ich mich etwas Anderem. Die Gegenseite nimmt ja nur war, dass ich mich augenscheinlich abwende.

Wenn ich im weiten Rund eines Meetingraums konsterniert an die Decke schaue, nimmt das im Gegensatz zur Großaufnahme via Webcam kaum jemand wahr. Bei YouTube landet es dort ebensowenig, wenn ich mir in einem vermeintlich unbeobachteten Moment nach dem Nase putzen den Restpopel heraus pule.

Eine Videoübertragung ist daher keineswegs persönlicher als ein Telefonat. Es findet gleichermaßen über die Distanz statt, kann sogar aufgrund fragmentarischer Bildinformation falsche Eindrücke sowie Intimität erzeugen, die bei einem Telefonat ausgeschlossen sind. Dort kann ich mich ausschließlich und ablenkungsfrei auf die Worte konzentrieren. Trainierte Zuhörer nehmen dabei die sprachlichen Nuancen war, die in einer Videokonferenz durch Bild-Abklenkung oder technisch bedingt überdeckt werden.

Mit einem schnurlosen Telefon oder Headset kann ich aufstehen, mich in eine entspannte Position begeben, meine Aufmerksamkeit damit sogar steigern, indem ich statt angestrengt gelangweilt in die Web-Cam zu schauen die Augen schließen oder mir Notizen für die Antwort anfertigen kann.

Deshalb: Wer braucht Zoom (wirklich)?


P.S.
Davon unbelassen gibt es zweifellos nützliche Möglichkeiten von Videoübertragung, beispielsweise für Schulungen. Dabei richtet sich jedoch der Fokus auf digitale „Tafeln“ oder Dokumente. Vortragende haben sich angemessen vorbereitet, haben die erforderliche technische Ausstattung für eine qualitativ hochwertige Übertragung. Zumindest sollte es so sein – ein anderes Thema…

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