Wenn weniger mehr ist

Die einst so gefeierten „sozialen Medien“ verlieren zunehmend an Teilnehmern. Allerdings ist das nur die halbe Wahrheit: es bleiben die „echten“ übrig.

Was bedeutet eigentlich „Like?“ Twitter hat vor rund 14 Tagen damit überrascht, dass trotz Benutzerschwund Gewinne übrig bleiben. Das wird auf das Vorgehen gegen Fake-Accounts, Hetzer und Spammer zurück geführt. Sprich: Qualitäts­steigerung der Inhalte. Was beweist, dass Mist bestenfalls beim Bauern auf dem Acker für gesundes Gedeihen taugt. Überall anders ist er eher schädlich.

Wobei mir persönlich bei Twitter ein inzestuöses Verhalten aufstößt, bei dem Mitarbeiter von Unternehmen die eigenen Beiträge feiern, mit Likes und Retweets ein vermeintliches Interesse generieren. Ob Dienst­anweisungen, plumpes Anbiedern beim Dienst­herren oder keine eigenen Hobbies und Interessen den Anlass liefern, bleibt dabei im Dunkeln.

Mich beschleicht bei solchen Twitter-Accounts immer ein kleiner Anflug von Fremdschämen. Zumindest in unserem Kultur- und Wirtschaftskreis ist „sich selbst beklatschen“ eher ungebräuchlich. Extrem peinlich finde ich das Selbst­abfeiern wenn außer Mitarbeitern keiner mitklatscht. Das hat etwas von einer Party, bei der sich der Einladende selbst ein Ständchen singt, Papp-Fähnchen schwenkt und die Bowle aussäuft, weil sonst keiner da ist.

Manche Meldungen werfen bei mir gleich mehrere Frage­zeichen auf die Stirn. Da werden Produkte angekündigt, die augen­scheinlich nur in Photo­shop existieren. Farb­abweich­ungen, funktional unpassende Schalter und Verschie­bun­gen in „Screen­shots“ lassen den Verdacht aufkeimen, dass sich die gezeigten Elemente im wahren Leben noch nie in dieser Konstellation zusammengefunden haben

Die angekündigten Funktionen sind bei genauer Betrachtung Minimal-Standard vergleichbarer Produkte. Seit Jahren. Die einiger­maßen interes­santen Sachen gibt es erst „dem­nächst“. Wobei selbst eine angegebene Jahres­zahl zwar die Anmutung von „bald“ erweckt, doch ein Jahr hat bekanntlich durch­schnittlich 365,25 Tage und Silvester gehört dazu.

Absolut affig ist das großspurige Ankündigen einer Produkt-Vorschau mit Link, hinter dem sich dann lediglich eine Adressmaske verbirgt, die detailliert ausgefüllt werden muss, damit es – vermeintlich – weiter geht. Natürlich muss der Verarbeitung der Daten zugestimmt werden, erst dann geht es „weiter“. Alles was dann kommt, ist ein „Danke, wir melden uns schnellstmöglich“. Letzteres stimmt, weil das ein im Auftrag der Verkaufsabteilung arbeitender Automat erledigt (Anonymisierte Originalantwort):

Hallo …,
 
vielen Dank für Ihr Interesse an … . Wir prüfen die freien Ressourcen in unserer Demo­umgebung und melden uns so schnell wie möglich wieder bei Ihnen.
 
Viele Grüße …

„Freie Ressourcen“? „Demoumgebung“? „So schnell wie möglich“?

Jetzt fühle ich mich ehrlicherweise endgültig hinter die Fichte geführt. Besonders, wenn solche Blubber-Ankündigungen ein Unternehmen mit bisher grundsoliden und hochwertigen Produkten raushaut, das so eine Schaum­schlägerei in keiner Weise nötig hat. Das ist kein Marketing sondern Marktschreierei an der Reste-Rampe.

Statt inhaltsleerem Getöse und Aufplusterei wäre eine vernünftige, echte öffentliches Produktvorschau ohne Adress-Geierei ein Statement mit Understatement. Wenn die dann noch echte Innovation statt dritter Aufguss von Altbekanntem zeigt, bringt das echte Kunden statt genervte Interessenten.

Statt viel Mist überzeugt letztendlich nur Qualität. Da ist weniger mehr.

Das Bild stammt von Pexel