Vernachlässigte Bürger

In Braunschweig gibt es — wie wohl in jeder etwas größeren Stadt Deutschlands — ein kostenloses Werbeblatt, das im Stil einer Zeitung primär als Werbeträger verteilt wird, sich aber mit ein paar Beiträgen aus der Region interessant machen will.

Als es noch überwiegend offene Feuerstellen gab, hätte man das sicher als Anzündhilfe begrüßt. Allerdings gab es damals noch richtige Zeitungen. Solche Zeitungen gibt es erst, seit die druckende Tagesjournalie aufgrund der zeitlichen Verzögerung gegenüber den elektronischen Medien dem Untergang geweiht ist.

Als die Stadt, die Hitler zum Deutschen und damit dem Elend die Tür auf gemacht hat, könnte man in Braunschweig eine erhöhte Sensibilität beim Thema erwarten. Immerhin kristallisiert sich in den Bürgerbeiträgen heraus, dass es keine Religionsverängstigte sind. Hier wird gleich alles in einen Sack geworfen, was dem Oberbegriff „Ausländer“ gerecht wird.

Immerhin wird der schlecht gelittene Ausländer raus! Ruf freundlich umschrieben, wenn von jungen Männern die Rede ist, die durch Braunschweig schlendern und doch in ihrer afrikanischen Heimat dringend gebraucht werden. Dass viele davon keineswegs aus Kriegsgebieten kommen, wird wohl daraus geschlossen, weil sie noch alle Gliedmaßen haben. Jedenfalls ist allen Beiträgen mit Anti-Haltung gemein, dass aus Ihnen wenig bis keine Kommunikation mit den Anderen herausklingt.

Ich kenne die persönlichen Erfahrungen der Schreibenden nicht. Ob das alles ausschließlich Vorurteile sind, oder negative persönliche Erfahrungen — welcher Art auch immer — die Meinung geprägt haben, lässt sich schwer einschätzen. Ich für meinen Teil kann als Lebenserfahrung beitragen, dass ich eher von germanischen Artgenossen angepöbelt wurde, denn von Ausländern. Was zweifellos daran liegen wird, dass ich in einer vergleichsweise arischen Umgebung wohne.

Hier laufen zwar regelmäßig (mutmaßlich) Austauschstudenten herum, denen man ihre asiatischen Herkunft unweigerlich ansieht. Gelegentlich kommen auch dunkelhäutige Menschen vorbei. Wir grüßen uns zwar nicht, bedrohlich ist aber anders, trotz der Ballung aufgrund der studentischen Sammelunterkünfte fühle ich mich nicht überfremdet. Da sind die durch die Straße Richtung Stadion wälzenden Fans der Braunschweiger Eintracht schon eher ein Grund, dass man zu Haus bleibt oder zumindest die Straßenseite wechselt.

Womit ich keinesfalls alle Fußballfans zu Leuten mit fragwürdiger Gesinnung machen will. Einfach weil es falsch wäre. Arschlöcher gibt es überall. Rein statistisch wird es in Deutschland mehr deutsche Vollidioten geben als Ausländische. Einfach, weil wir in der Überzahl sind. Aufgrund der Zahlenverhältnisse dürfte das gleichermaßen für die Menge der Schmarotzer betreffen, über die sich so manche(r) aufregt und sie nur bei den Ausländern verortet.

Einer der Beiträge in der „neue Braunschweiger“ (Nr. 4, 2015) ist mit „Vernachlässigte Bürger“ betitelt. Ich bin mit unserer Politik definitiv ebenfalls unzufrieden. Allerdings bin ich ebenso fest davon überzeugt, dass es sich bei vielen um „sich vernachlässigende Bürger“ handelt. Denn objektiv betrachtet hat hier selbst jemand in einem Harz-IV-Slum — die es nicht geben sollte, aber es gibt sie — bessere Chancen, als viele, deren Familien alles zusammenkratzen, damit wenigstens einer aus dem Clan zumindest einen Blick auf diese Chancen erhaschen kann. Und dafür häufig Leib und Leben riskiert.

Kein Krieg als ausreichender Grund für eine Abweisung dieser Menschen ist etwas eindimensional. Für einen 50-Jährigen mit Harz IV ist auch „kein Krieg“ - das Leben ist aber, wenn er sich einen Rest Würde und Verstand erhalten hat - trotzdem Scheiße. Aber sehr wahrscheinlich noch immer um ein Vielfaches besser, als für die jungen schlendernden Männer „daheim“, die sich womöglich das erste Mal in Ihrem Leben ohne Angst oder Hunger bewegen und das — für mich sehr nachvollziehbar — einfach geil finden.

Dass diese Menschen Ihre Zeit „vertrödeln“, wie in einem Schreiben unterstellt wird, mag sein. Allerdings gibt es genug Deutsche, denen man das ebensogut vorhalten könnte. Allerdings haben diese jungen Männer den hier Geborenen schon einen gewaltigen Schritt voraus. Sie haben ihr Leben in die Hand genommen und Initiative ergriffen. Wenn ich als Bürger darauf warte, dass jemand vorbei kommt und mich mit irgendwas beglückt, dann habe ich das Prinzip der Demokratie nicht verstanden. Die schafft mir Möglichkeiten. Nutzen muss ich die schon selbst.

Der „vernachlässigte Bürger“ sollte daher erst mal wählen gehen und so aktiv Einfluss nehmen oder sich selbst um Verbesserung kümmern. Das könnte zielführender sein, als sich darüber zu beschweren, dass einem niemand was schenkt. Das haben ausgerechnet die von einigen so derb Beschimpften signifikant besser verstanden. Daher sollte man eventuell nicht auf sie runter, sondern zu ihnen aufschauen. Die hatten mehr Mut und haben schon mehr riskiert, als die meisten von uns.