Unsere Ölquellen

Die „Stiftung Warentest“ hat mal wieder Olivenöl getestet. Augenscheinlich wurde ein Importmarkt und ein gesellschaftlicher Aspekt übersehen.

Ich gehe gern „beim Türken“ einkaufen. Dort gibt es frische Lebensmitteln mit signifikant besserer Qualität als sie von den einschlägigen Versorgerketten offeriert wird. Die ursprünglich türkisch-stämmige Zielgruppe dieser Anbieter hat noch einen größeren Bezug zu „gutes Essen selbst machen“, als wir Convenience-konditionierten Supermarkt-Konsumenten.

Bei meinem „Haus- und Hof-Türken“ beeindruckt mich jedes Mal die immense Vielfalt. Darunter mir unbekanntes Obst, Gemüse, Fleischzubereitung und Konserven1, deren Verwendung sich mir nur bedingt erschließt. Den Gesetzen der Marktwirtschaft folgend, stehen dort sicherlich nur Artikel im teuer angemieteten Regal, die eine Nachfrage haben. Was mir meine Ahnungslosigkeit jenseits des Discounter-tauglichen Rezept-Angebot diverser Zeitschriften vor Augen führt.

„Schmeckt“ ist mein maßgebliche Parameter. Der ist verknüpft mit Interesse an Unbekanntem. Das hat Grenzen. Wenn sich etwas noch oder wieder bewegt beispielsweise. Oder die verströmten Aromen eine erhebliche Diskrepanz zwischen meinen Vorlieben signalisieren und dem, was da riecht.

Erfolgreiche Verkostung führt zu einer gewissen Exzentrik und Exklusivität beim Einkauf. Beispielsweise die ausgeprägte Vorliebe für ein Olivenöl der Firma „Puget“, das es in Frankreich günstig in jedem Discounter gibt. In Deutschland gibt es das Produkt bestenfalls in spezialisierten Feinkostläden, beispielsweise der Lebensmittelabteilung des Berliner Lafayette. Mittlerweile ermöglicht das Internet einen wirtschaftlicheren Einkauf als die lange praktizierten „Beschaffungsfahrten“ über die französische Grenze.

Vor einigen Wochen fiel mir bei „meinem Türken“ das dort präsentierte Olivenöl-Angebot ins Auge. Es erinnerte mich spontan an die endlosen Regale eines „Carrefour“. Zwar tragen die Kunden beutelweise Ware aus dem Laden, doch in türkischen Märkten sind Regale aufgrund emsigen Personals meistens immer gut gefüllt. Was der in Frankreich praktizierten „Schwarm-Intelligenz“2 entgegen stand. Daher war es ein Glücksgriff: Die spontan getroffene Auswahl kommt dem persönlichen Favoriten aus Frankreich recht nah. Mit dem Vorteil, dass der Einkauf noch näher möglich ist.

Daher war ich sehr überrascht, dass es gemäß einer aktuellen Infografik3 der „Stiftung Warentest“ in Deutschland kein Olivenöl aus der Türkei geben soll. Wo es doch rund zwei Prozent „echte Türken“, und deren hier lebende Nachfahren aus 70 Jahren „Gastarbeiter-Tradition“ gibt. Und diese Mitbürger adressierende Läden mit prall gefüllten Regalen.

Natürlich muss sich so ein Test mit dem Marktführer und den verkaufsstarken Eigenmarken der Ketten beschäftigen. Doch Bewertung durch „test“ haben auch lenkende Wirkung. Interessierte können damit auf etwas aufmerksam gemacht werden, das jenseits des Mainstream, im „Quality-Stream“ liegt. Falls die Angebote ungezählter türkischer Läden, die wahrscheinlich aus naheliegenden Gründen „mainstream made in Turkey“ anbieten, an den Ansprüchen der Tester scheitern würden, wäre das ebenso interessant.

Bedauerlicherweise praktiziert Stiftung Warentest damit – sicherlich unbeabsichtigt – Ausgrenzung. Mit einem Blick über den Zaun, in die Märkte derer, die seit Generationen bei und unter uns leben, könnte ein wichtiger Beitrag zur Integration geleistet werden. Ressentiments gegen Mitmenschen lassen sich bei gutem Essen abbauen. Das fängt mit dem Einkauf der Zutaten an.

Auf meine Anfrage per E-Mail bei „Stiftung Warentest“ kam zeitnah eine freundliche Rückmeldung: »Türkische Olivenöle haben in der EU in der Tat kaum Marktbedeutung. Die wichtigsten europäischen Anbauländer sind Spanien, Italien, Griechenland, Portugal und deutlich dahinter Frankreich. Hinzu kommen Importe aus Tunesien. Somit erklärt sich, dass kein türkisches Öl in unserem test vertreten war.«

Das Bild stammt von Pixabay.


  1. Das Fehlen von Tiefkühlware in dieser Aufzählung ist kein Versehen: Es gibt bei „meinem“ Türken nur eine, sehr kleine Tiefkühltruhe. ↩︎

  2. Wenn das Regalfach deutlich leerer als bei anderen Sorten ist, oder während der Auswahlphase von anderen eine bestimmte Sorte erkennbar bevorzugt wird, ist es beliebte, also wahrscheinlich „gute“ Ware. ↩︎

  3. „test“ 2/2020, Seite 13 ↩︎