Twitter - erster Zwischenstand

Der „Selbstversuch“ mit Twitter hat mehrere Erkenntnisse gebracht.

Ich habe mich bewusst defensiv bei Twitter verhalten. Ich bin nicht auf die Pirsch, Gott und der Welt davon Kenntnis gebend, dass ich nun zwitschere. Dementsprechend hoch ist der Berg der Unwissenden, an denen der Strom meiner Kommentare ungelesen vorüberfließt. Wobei es recht überschaubar ist, was ich seit Mitte Juni an die Welt gerichtet habe. Das Einrichten der Tweets auf meiner Homepage hat im Bekanntheitsgrad bei Twitter keine Spuren hinterlassen, obwohl die Besuchsfrequenz auf meiner Homepage in Zahlen äußerst erfreulich ist.

Hier liegt für mich der Verdacht nah, dass die, die sowieso schon kommen, das Gezwitschere von mir vorher nicht gebraucht haben und jetzt offenbar die Gewohnheiten beibehalten, sprich: Es weiterhin „ohne“ aushalten. Meine „Follower“ halten sich jedenfalls in gut überschaubaren Grenzen, wobei es sich bei Zweien um die Sorte „da kannst du viel mehr damit machen, wenn ich dir helfe“ handelt. Was letztendlich im Umkehrschluss unterstellt, dass ich zu doof bin, es selbst hinzukriegen.

Vielleicht bin ich das sogar. Allerdings stellt sich die Frage, ob das, was Twitter mir bietet, wirklich das ist, worauf ich mein Leben lang gewartet habe. Der Aufwand, etwas bei Twitter hinauszutröten ist vergleichbar zum Aufwand, diese News zu schreiben. Wobei die News aufwändiger ist, denn ich kann und will mehr als die läppischen 140 Zeichen schreiben, auf die mich Twitter limitiert. Wobei das „in der Kürze liegt die Würze“ durchaus einen sportlichen Aspekt hat. Insbesondere wenn jemand mit so raumgreifender Rede wie ich nur die genannte Zeichenzahl zur Verfügung hat. Short is sport - train the Brain!

Verschärfte SMS-Konditionen sozusagen. Wobei bereits SMS bei mir auf begrenzte Akzeptanz stoßen. Denn bis ich das auf der Fummeltastatur des Mobiltelefons zusammengeklimpert habe, ist die/der Betroffene schon per Anruf vollständig inkl. Rückfrageoption befriedigt. Die ständig auf dem Tisch tanzenden Telefone, die damit sagen wollen: „Hallo, ich will ja nicht stören. Aber da wär´ gerade mal wieder eine neue SMS nach der du sofort schauen musst und antworten sollst du natürlich pronto“, haben so etwas von „semi-wichtig“. Mich ruft zwar keine Sau an, aber ich bekomme wenigstens SMS. So eine Art mediale Armenspeisung.

Den praktischen Aspekt, eine Kurzinfo abzuwerfen, damit der Empfänger damit operieren kann sobald Zeit zum Lesen war, will ich – so ehrlich bin ich – nicht mehr missen. Wenn ich aber z.B. bei einer Zugfahrt so manche Mitreisende aus dem Augenwinkel beobachte, frage ich mich schon, was man sich stundenlang simsen kann. So viel Action ist im Zug nicht – wenn doch, wäre Mäuseklavier spielen mit hoher Wahrscheinlichkeit sekundär. Wobei diese Form der Kommunikation fraglos etwas demokratisches hat. Denn jeder hat die gleiche „Redezeit“ und muss den anderen „Ausreden“ lassen. Eine einseitige SMS-Flut würde mit höchster Wahrscheinlichkeit darauf hinauslaufen, dass es gar keine Antworten mehr gibt. Abreißende Telefonverbindungen gibt es bei SMS ebenfalls nicht; ggf. probiert das System so lange, bis das Ding auf der Reise ist.

Andererseits: Was hat man sich dann ggf. noch zu erzählen, wenn man sich persönlich trifft? Wo gehen die ganzen Emotionen und Gesten hin, die sich unmöglich in eine SMS verpacken lassen? Und — um zu Twitter zurückzukehren — interessiert es meine Follower tatsächlich, was ich den Tag über so rausblubbere? Hier deckt Twitter das Mäntelchen des Schweigens drüber. Was in einer Diskussionsrunde in den Gesichtern der Teilnehmer steht, kann ich bei Twitter nicht sehen. Wie schön. Feedbackfreie Kommunikation. Sich selbst genug sein. Und alle sollen das wissen. Zumindest könnten sie es, wenn sie den Tweed finden. Dass danach keiner sucht, wenn man nicht eben (spontan herausgegriffen!) Lady Gaga heißt, ist ein anderes Problem. Ob deren Kurzmitteilungen an die Welt von eben dieser gebraucht werden, wissen vermutlich nur die rund 11 Millionen Follower von ihr. Ich bin keiner. Weil mir mein eigenes Leben spannend genug ist. Spätestens wenn mir Twitter glauben machen will, dass die Dame angeblich über 140.000 Menschen „folgt“, muss man sich ernsthaft fragen, wie das gehen soll. Selbst wenn sie ausschließlich rund um die Uhr „folgen“ würde, hat sie für jeden weniger als 4 Minuten im Jahr. Wenn man jetzt noch Schlafen (6h/Tag, bleiben weniger als 3 Minuten), arbeiten (4h/Tag, bleiben weniger als 2 Minuten), Schminken, essen, Toilette, repräsentieren (4h/Tag, bleiben knapp 1,5 Minuten), etc. abzieht, bleibt nicht viel. Da ist mir mein kleiner, überschaubarer Freundeskreis erheblich sympathischer. Das lässt mir noch Zeit für mich. Und ich habe ggf. „richtig“ Zeit für meine Freunde.

Nun ja. Mal sehen. Es frisst bei mir kein Brot, also lass ich es noch ein bisschen Leben. Womöglich erfahre ich ja noch die erforderliche Erleuchtung.