Totalausfall

Der Ausfall war bestellt. Ich hatte bei der Telekom einen leistungsfähigeren Anschluss beantragt. Mit dem Hintergedanken, dass ich dann einen schnelleren Internet-Zugriff haben sollte und ein paar technische Probleme des bestehenden Anschlusses beseitigen würde. Nebenbei kostet diese Anschlussvariante weniger als die bisherige.

Die Telekom war sehr fix. Nach einem Anruf der hoffnungslos überlaufenen Service-Nummer rief mich eine freundliche Dame des von einem Sprachroboter offerierten Rückruf-Service an. Ich schilderte kurz mein Dilemma und sie sicherte zu, dass ließe sich innerhalb weniger Tage erledigen. Was tatsächlich klappte. Bereits am Tag darauf steckte ein Brief im Kasten, die Bestätigungsmail mit den Eckdaten war bereits wenige Minuten nach dem Telefonat in der Mailbox.

Ihren Auftrag führen wir dann im Laufe des Tages 
— vorausslichtlich bis spätestens 19 Uhr —  aus.

Dieser kleine, freundliche Satz der Auftragsbestätigung verschwieg ein paar kleine Details:

  • Ab Mitternacht ist Telefonieren und Internet nicht mehr möglich
  • vorausslichtlich bis spätestens beinhaltet eine Option auf und es kommt doch ganz anders, weil sich bekanntermaßen vieles nicht voraussehen lässt.

Der Totalausfall ab Mitternacht war ersteinmal kein Problem. Denn für einen erholsamen Schlaf benötige ich keinen Internetanschluss oder gar ein telefonisches Schlaflied von irgendwem. Es fiel mir daher erst am D-Day morgen um ca. 7:00 Uhr auf. Da wollte ich mir im Internet schnell ein paar Infos holen, wie ich die vorhandene Fritz!Box umkonfigurieren muss. Wie hat das früher bloß ohne Internet geklappt? Ich tippe darauf, dass man einfach besser geplant hat und sich vorausschauender (da ist der Wortstamm schon wieder) vorbereitet hat. Und ich glaube, die Grundkompetenzen waren höher. Ich hatte die Seite bereits nach der Bestellung angesteuert — warum lag sie nicht als Datei auf der Festplatte?

Dank Mobiltelefon gab es noch eine Reißleine. Wobei die Pixelanzahl des Displays keine Aussagekraft zur Lesbarkeit der Inhalte darstellt. Die mögen auf dem kleinen Schirm eine mörder-Auflösung haben, besser lesbar wird Text dadurch jedoch nicht. Klein bleibt klein. Wenn hineingezoomt wird, sind auch wieder sichtbare Klötzchen da - schiere Pixelmasse allein haut es also nicht wirklich raus. Aber immerhin kam ich so an die Info, dass ich das graue TAE-Adapter brauche. Schön. Das graue also. Welches Graue bitte? Ich habe nur schwarze. Versuche damit führten zum vorhersehbaren Ergebnis: Die Schwarzen funktionieren nicht.

Die angebotenen Möglichkeiten, sich das Graue telefonisch anzufordern (ha!) oder per Mail (haha!) oder Brief (schnarch) mit der sich daraus ergebenenden mehrtägigen Unerreichbarkeit, waren keine Optionen. Allerdings war mir ebenso klar, dass ein Gang zum Fachmarkt und die Frage nach dem grauen Adapter wenig zielführend sein könnte. Eine intensive Suche mit dem Mäusekino verschaffte mir zumindest eine Erklärung: Ich fand eine Pinbelegung für das Adapter. Damit sollte im Elektronikmarkt was gehen. Der hatte zwar kein graues Adapter, aber ein Kabel TAE-F Plug auf 8p2c Plug. Ein Schwarzes Kabel mit alles fertig. Ganz ohne Adapter und die technisch fraglos elegantere und bessere Lösung. Bei mutmaßlich gleichem oder gar günstigerem Preis.

Aber das Kabel war leider nur die halbe Miete. Denn die Fritz!Box moserte zwar nicht mehr herum, dass Kabel sei kaputt (sie macht das wirklich!). Aber wo nix is da is halt nix — sprich: Wenn die Telekom nicht liefert, kann ich nichts abholen. Immerhin hatte ich nun reichlich Zeit für die Konfiguration der Fritz!Box mit den neuen Einstellungen. Was mich unter anderem zwang, die bestehenden Anrufbeantworter zu löschen, damit ich sie gleich danach wieder anlegen konnte. Aber das verbuche ich unter Beschäftigungsterapie, denn schneller fertig sein wäre kein Vorteil gewesen.

Irgendwann gegen 18 Uhr funktionierte das Internet. Was das Tablet verriet, das wieder E-Mails empfangen konnte und das freudig erregt mit dem dafür eingestellten Tirilim! mitteilte. Meine Erregung hielt sich in Grenzen, denn das Telefonieren war noch nicht möglich. Jedenfalls nicht von außen hinein. Da bemerkte eine Bandansage:

Dieser Anschluss ist vorübergehend nicht erreichbar. 
Probieren Sie es später noch einmal.

Ob die 19 Uhr Zusage eingehalten wurde, weiß ich ehrlicherweise nicht. Es hatte etwas von Erhalt der Selbstbestimmung, dass ich es nicht ständig ausprobiert habe. Jedenfalls klingelte gegen 22 Uhr das Telefon erstmals wieder. Was ich selbst mit einem Testanruf via Mobiltelefon auslöste. Ob ich hätte sprechen können, habe ich nicht versucht. Ich fand das Klingeln schon ziemlich beruhigend. Man wird bescheiden und bekommt wieder einen klaren Blick auf die wirklich wichtigen Dinge.

Jedenfalls ist mir meine Pfadfinderlosung wieder eingefallen: Allzeit Bereit!. Als Heranwachsender hatte der Spruch vorübergehend einen sehr reduzierten Hintergrund, als gereifter Mann begreife ich endlich, was damit tatsächlich gemeint ist. Wobei ich damit nicht die mangelnde Coolness stetiger Erreichbarkeit meine, sondern die Planung dessen, was als nächstes ansteht. Und dass sich auch Unerwartetes in gewisser Weise erwarten lässt, eine Vorbereitung darauf also durchaus möglich ist. Beispielsweise die Taschenlampe nicht irgendwo im Zelt haben, sondern am unteren Ende der Apsis, die sich problemlos im Dunkeln ertasten lässt. Dann ist der vorhersehbare Totalausfall des Lichts des Nächtens irgendwie gar nicht so schlimm. Und kein Internet heißt im Grunde nur, dass ich mal wieder Zeit für Offline-Reading hatte, genauer: sie mir nahm, noch genauer: ich keine Alternative dazu hatte. Was ich in den letzten Jahren viel zu selten tue aber nach dieser Erfahrung unbedingt wieder beleben sollte. Denn es macht unabhängiger und freier.