Toiletten lösen keine Probleme

Gestern abend lief in den „öffentlich-rechtlichen“ Nachrichten (genauer: heute-journal) ein Bericht über die hohe Vergewaltigungsquote in Indien. Vor allem die Brutalität der Täter, die häufig ihre Opfer danach töten, war thematisiert.

Exemplarisch wurde an zwei Mädchen, 14 und 15 Jahre alt, erinnert, die offenbar von einer Horde Männer, der auch Polizisten angehörten, vergewaltigt und anschließend zum langsamen Ersticken an einem Baum mit Schlingen aufgehängt wurden.

Die Beschreibung ist schon schlimm genug, das ZDF untermalte diese Zusammenfassung noch mit an ein paar Stellen verpixelten Videobildern, die aber dennoch unschwer die noch am Baum hängenden Körper der Opfer zeigten. Als wäre das nicht schon respekt- und würdelos genug, setzt der Kommentar noch eins drauf:

In Indien gibt es mehr Mobiltelefone als Toiletten.

Deshalb müssen die Frauen nächtens auf die Felder und sich erleichtern und wären daher ein leichtes Ziel.

Während das an einem herunterplätschert, fällt es gar nicht auf. Klingt alles super schlüssig. Ein Journalist mit ernster Miene sabbert da so seine Sozialkritik runter und damit sind wir dann alle super informiert.

Echt jetzt?

In Indien gibt es mehr Mobiltelefone als Toiletten.

Rechnerisch hat in Deutschland jeder mehr als ein Mobiltelefon. Aber auch hier hat nicht jeder sein persönliches Klo. Denn genau das wird den Indern mit dieser Bemerkung indirekt vorgeworfen: Ihr armen Schweine, habt nicht mal ein persönliches Klo. Na dann lasst uns mal die Hände reichen. Bei uns ist das nicht besser.

Der Bericht präsentiert dann noch ein tolles Projekt, bei dem öffentliche Toiletten aufgestellt werden, damit die Frauen nicht mehr auf die Felder müssen. Na das ist ja ganz schlau! Da müssen dann die Männer nicht mehr auf dem Feld nach Opfern suchen, sondern warten einfach am Klo, bis eins hinkommt. Dort können sie die Zwangssituation sogar perfektionieren, denn das sind Kammern, aus denen es kein Entkommen gibt.

Das Problem des aus dem Haus müssen und nachts ist es dunkel lösen diese Toiletten nämlich nicht. Spontan stellt sich mir die Frage, ob mehrere LKW-Ladungen mit Nachttöpfen und eine zentrale Sammelstelle für die Lösung des im Bericht geschilderten Problems zielführender wären.

Allerdings sind für die Vergewaltigung der Frauen nicht die fehlenden Toiletten oder die Felder oder die Nacht verantwortlich. Das sind die Männer, die das tun. Wenn das sogar bei Polizisten eine übliche Freizeitbeschäftigung ist, würde ich für die Problemlösung nicht unbedingt bei den Toiletten ansetzen.

Ich habe mir am Ende des heute journals die Frage gestellt, was uns da eigentlich erzählt wurde und was mir das geben könnte. Der Bericht formuliert als Lösung für ein dramatisches Problem in Indien, nämlich der absolut fehlende Respekt vor der Selbstbestimmtheit von Frauen, — Klohäuschen.

Besonders schräg wird es, wenn der Reporter am Ende sagt, dass in Indien ca. 8 Vergewaltigungen pro Tag stattfänden, die Dunkelziffer liegt sicher höher. Wenn diese Zahl einigermaßen belastbar recherchiert ist, dann muss der Journalist hurtig mal heim kommen. Denn wir Deutschen hängen statistisch die Inder locker ab (9,6 pro 100.000 Einwohner = knapp 22/Tag). Und das, obwohl wir mehr Toiletten haben.


Damit kein Missverständnis entsteht:

Jede Form von Gewalt gegen Frauen, egal wo, ist inakzeptabel.

Ich habe allerdings Schwierigkeiten mit völlig absurden Rückschlüssen und der Arroganz, dass wir das alles vermeintlich besser im Griff hätten.

Womöglich galoppiert da meine Phantasie, aber ich sehe da einen schlecht rasierten Kerl im weißen Feinripp-Hemd mit der Bierflasche in der Hand, der diesen Bericht sieht und seiner Frau mit dem blauen Auge zuruft: „Schau hin du Schlampe! In Indien hängen sie die Tussen danach auch noch auf. Dir geht´s doch gut!“