Systemrelevant

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich Gerichte mit „Systemrelevanz“ beschäftigen müssen. Die neue, perfide Form von „Rassismus“, mit der Menschen in Klassen aufgeteilt werden – noch dazu in häufig schwer nachvollziehbare.

So titelt die Bildzeitung vor drei Tagen mit der Frage, warum Bestatter vergessen wurden in der Liste der „Systemrelevanten“. Was zwar einen gewissen Zynismus birgt, objektiv jedoch durchaus berechtigt: Das Abholen von Angehörigen zur Bestattung im Garten ist in Deutschland verboten. Außerdem wird den Hinterbliebenen der Zugang zum Krankenhaus verweigert, weil sich ja niemand anstecken soll. Drinnen wie draußen.

Die TAZ stellt fest:„Kultur ist systemrelevant“ zum, Dave Clark sagt das von seinen Mitarbeitern. Er ist der kommende Amazon-Generaldirektor, neudeutsch „CEO“. Beides ebenfalls berechtigte Einwände: Wie kommen wir sonst zu unseren Artikeln des „täglichen Bedarfs“, zu denen eben mehr als Ernährung, sondern gerade jetzt womöglich ganz besonders das Stillen emotionaler Bedürfnisse gehört. Wenn zum 738. Mal »Last Christmas« aus dem Radio dudelt, ist jedenfalls klar, dass kein Musiker die vergangenen Monate für die Komposition einer Alternative für die Radio-Schaffenden genutzt hat. Die ebenfalls systemrelevant sind, damit sie uns stündlich neue Schreckensmeldungen mitteilen können. Und dazwischen die gut abgehangene Musik von den Künstlern, die sich vor der Pandemie etablieren konnten, was ihnen Sicherheiten gibt, die Künstlern mit Engagements an Theatern und im Tourbetrieb genauso fehlt wie dem daran hängenden Schwarm derer, die auf sie aufmerksam machen, sie in gutes Licht stellen und dafür sorgen, dass sich ganz hinten im Stadion gut gehört werden.

Zwischenzeitlich wurde das Wort „systemrelevant“ selbst systemrelevant, was die Geschmacklosigkeit dieses Begriffs unterstreicht. Was macht meine Frisörin weniger relevant als z.B. einen Herrn Spahn? Im Gegensatz zu ihm bietet sie Menschen konkreten, direkt spürbaren Nutzen. Sie verhindert äußerliche Verwahrlosung, was in der Folge auf das Gemüt schlägt. Der äußeren folgt die innere Verwahrlosung, weshalb Fachleute davon ausgehen: Im Lockdown gibt es mehr Schläge für die Schwächeren. Weshalb die Yoga-Stunde im Gemeindezentrum systemrelevant ist, in der Betroffene sich mitteilen oder angesprochen werden können. Mindestens genauso wichtig ist der Fachberater im Baumarkt, der dem verzweifelten Familienvater die passende Schraube heraussuchen kann, damit das Regal aufhört zu wackeln. Was vielleicht den Wutanfall verhindert, in dem er seinen kleinen Sohn mit der Faust ins Gesicht schlägt, der loskräht, er will raus zu seinem besten Freund. Die Nerven liegen mittlerweile bei allen blank.

Da braucht es keine weiteren Ab- oder Aufwertungen von Gesellschaftsgruppen. Letztendlich sind wir alle gleich wichtig. Vermeintlich Wichtigere sind wertlos ohne die in diesem Modell vermeintlich „Unwichtigeren“: Wenn - … die Müllwerker aufgrund offiziell unzureichender Systemrelevanz statt Mülltonnen lieber zu Hause bleiben und ein paar Bierchen leeren, - … die Kloreinigenden im Bundestag konstatieren, dass die Damen und Herren Abgeordneten halt besser zielen sollen, damit die Brille sauber bleibt, - … die LKW-Fahrer+innen beschließen, wir sollen unseren „täglichen Bedarf“ doch selbst im Zentrallager, Polen, Spanien, Italien, abholen, - … ein Gleisbett-Kontrolleur lieber in der Wärme bleibt und durchgibt, der ICE solle halt langsamer fahren, - … der Bierbrauer konstatiert, es würde eh viel zu viel gesoffen, - … die Chocolatiers bemerken, dass die meisten von uns fett genug sind, … könnte auffallen, dass „Relevanz“ etwas sehr Subjektives, das „System“ für jeden von uns etwas sehr Individuelles ist. Wofür »Querdenkende« den Beweis antreten. Doch selbst die sind „systemrelevant“. Worüber sollte sich die überwältigende Mehrheit ohne sie ereifern?

Besonders fragwürdig wird der Begriff, wenn die „Systemrelevanten“ am Ende des Tages feststellen müssen, dass sie trotz schwülstiger Worte weiterhin kein bisschen mehr Respekt erfahren, keinen Cent mehr verdienen, ausgelobte Prämien aufgrund des „Kleingedruckten“ ein leeres Versprechen bleiben. Spätestens wenn es Banken oder Aktionären ans Geld geht, wird offensichtlich, was tatsächlich „systemrelevant“ in unserem Land ist.

Im Radio kam gerade die Meldung, dass es „verfassungsrechtliche Bedenken“ bzgl. der „Impfreihenfolge“ gäbe. Ging schneller, als zum Schreibbeginn dieses Artikels erwartet…

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