Stellenanzeigen-Code?

Wer nach neuen Herausforderungen sucht, liest Stellenangebote. Doch das was drin steht, bedeutet oft etwas völlig anderes, als es den Anschein hat.

Regelmäßig klafft bereits eine große Lücke zwischen der Selbstdarstellung eines Unternehmens und der Bewertung bei Kununu1. Einige häufig auftretende „Schlüsselworte“ in Angeboten lassen oft tiefe Rückschlüsse auf das Unternehmen zu, das eine Offerte unterbreitet:

Du […] jung […] dynamisch […] Flexibilität, Hilfsbereitschaft […] engagiert, motiviert […] Legendäre Firmenparties […] flache Hierarchien […] Team […] Kostenloses Obst […]

Es beginnt mit dem „Du“. Hiermit findet eine Vereinnahmung statt, die für ein professionelles Arbeitsangebot unangemessen ist. Das »„du“ unter Kollegen« sollte im Vorstellungsgespräch erwähnt werden. Allerdings sind Interessierte erst nach der Unterschrift unter dem Vertrag „Mitarbeitende“. Wer glaubt, „du“ sei ein Zeichen für kollegialen oder gar freundschaftlichen Umgang aller untereinander, wird womöglich lernen müssen: Mit „du“ lässt sich erheblich perfider und gemeiner Druck ausüben als mit „Sie“.

Ein „junges“ Team verrät: Hier sind eine Menge Ahnungslose am Werk. Was sicherlich einen Unterhaltungswert hat, für zielgerichtetes Arbeiten jedoch erhöhten Aufwand bedeutet.

Wissen, Bildung, Routine, Erfahrung und Professionalität haben alle eine gemeinsame Komponente: Der Erwerb kostet Zeit.

Zweifellos gibt es immer mal wieder ein Ausnahme-Talent. Statistisch ist jedoch gesichert: Es sind Ausnahmen. Statistisch ebenso sicher: Ein Haufen junger Menschen ist genau das. Jung halt. Doch Jugend ist keine Qualifikation, sondern lediglich ein Zustand, in dem Naivität, Unwissenheit sowie ungebrochener Optimismus sicherlich Einiges kompensieren können. Doch lässt es sich ebenso gut missbrauchen. Oder löst bei „Wissenden“ Kopfschütteln bis Verzweiflung aus.

Wenn etwas „dynamisch“ ist, bedeutet das in Unternehmen fast immer: Hier regiert das Chaos. Es gibt keine Strukturen, das Meiste erfolgt auf Zuruf und grundsätzlich zu spät. Es werden viele Werkzeuge verwendet, die gerade bei den Vorgesetzen hipp, jedoch für die eigentliche Aufgabe ungeeignet sind. Aufgrund der Probleme gibt es viele Meetings, weshalb die Arbeit liegen bleibt, wofür man sich dann rechtfertigen muss.

Das liegt gleichermaßen an der „Flexibilität und Hilfsbereitschaft“, die überall herrscht. Darunter kann schon mal der Wochenend-Einkauf für den Chef – natürlich mit dem eigenen Auto – gehören. Also alles, außer den Sachen, für die man eigentlich eingestellt wurde. Das machen alle nebenbei.

„Engagierte“ oder „hochmotivierte“ Mitarbeiter arbeiten ohne Pause von morgens bis spät abends und schreiben – natürlich – keine Überstunden auf. Wer welche in die Zeiterfassung einträgt, wird zum Vorgesetzten zitiert, der nochmal – natürlich nur mündlich – genau erklärt, wie das mit der Arbeitszeiterfassung „hier bei uns im Team“ läuft…

Die „legendären Firmenparties“ sollen den Verlust von Freizeit und damit verbundenen externen Kontakten ersetzen. Wer zum Feiern nur noch seine Kollegen trifft, kann eigentlich gleich eine Schlafmatte unter den Schreibtisch legen. Wobei „feiern“ relativ ist. Wer hier auffällt ist für die nächste Woche das Gesprächsthema. Wer unauffällig bleibt, ebenfalls.

In den „flachen Hierarchien“ ist bei Auffälligkeiten der Weg zum obersten Chef entsprechend kurz, der eigene Weg zu höheren Weihen dagegen unendlich lang. Hier machen „Team-Mitglieder“ selbst nach Jahren überwiegend genau das, womit sie angefangen haben.

Das „Team“ ist das allgegenwärtige Druckmittel. „Die Anderen“ stehen immer gegen den Einzelnen. Womit Einer zu Einem unter Vielen ohne Rechte wird. Einzelne sind dabei sowohl Unterdrückende wie Unterdrückte. Weil „das Team“ von den Vorgesetzten gegen die einzelnen Mitglieder als Stellvertreter zur Rechtfertigung für die subtilen Zwänge genutzt wird, die auf die Gruppe ausgeübt werden.

Spätestens beim „kostenlosen Obst“ in einem Stellenangebot sollten die Alarm-Glocken läuten (siehe „Arbeitsmarkt 2017“). Wenn dem Anbieter das ernsthaft erwähnenswert ist, muss für alle weiteren „Extras“ hart gekämpft werden – wenn es überhaupt welche gibt.

Synonym-Liste Stellenangebote

Stichwort Bedeutung
Du Erwarte keinen Respekt vor dir
jung ahnungslos
dynamisch Chaos
Flexibilität, Hilfsbereitschaft Ständig was anderes, Sachfremde Tätigkeiten
engagiert, motiviert unbezahlte Überstunden
Team Einer von vielen ohne Rechte
Legendäre Firmenparties Keine Freizeit oder Zeit für Freunde mehr
Flache Hierarchie keine Entwicklungsmöglichkeiten
Kostenloses Obst Hier bekommt niemand was geschenkt

Ich will keineswegs ausschließen, dass eine Stellenanzeige – trotz der aufgezählten Schlüsselworte – „genau so“ gemeint sein und gelesen werden kann. Was das Trennen zwischen „interessant“ und „Müll“ zusätzlich erschwert.

Das Bild stammt von Pixabay.


  1. Kununu selbst ist keineswegs unproblematisch. Fehlt ein Unternehmen dort, kann das ein positives Qualitätsmerkmal sein, während eine auffallend gute Bewertung, bei der Mitarbeiter das Unternehmen weitestgehend kritiklos abfeiern das keineswegs sein muss. ↩︎