77 Sekunden

Eine hervorgehobene, offenbar sehr relevante Information in einem Prospekt hat mich nachdenklich gemacht.

Die „77 Sekunden“ standen neben einem Preis: 49,95 €. Muss wohl ein echter Knüller sein. Gemeint war die Abbrenndauer eines dieser „Feuerwerks-Stalinorgeln“, mit denen das alte Jahr verjagt und das neue begrüßt werden soll. „Einmal anzünden, 465 Schuss“.

Ein echter „Schnapper“, pro Schuss 11 Cent. Klingt günstig, auf die Stunde umgerechnet sind es allerdings rund 2.335 €, die der Spaß kostet. Also deutlich mehr als der Bruttolohn vieler Arbeitnehmer. Zugegeben. So manch anderer Spaß, verstohlen im Auto um die 50 € dauert realistisch betrachtet netto selten länger. Beim Feuerwerk dürfen dagegen gern alle zusehen, man friert sich zu dieser Jahreszeit nicht den Arsch ab und man hat keine gesundheitlichen Risiken.

Außer wenn man versucht, das Teil angesoffen mit der Zigarette anzuzünden, dabei vorn über fällt und sich der Länge nach drauf legt, kurz bevor es los geht. Im ersten Moment ein Riesenspaß für die ebenfalls angepegelten Nachbarn. Aber aufgrund der bodennahen Veranstaltung sieht es weniger nach Feuerwerk zum Chef markieren aus, sondern eher nach 77 Sekunden „Allepo-Erlebnis-Schachtel“. Für männliche Singles wird´s nach so einem Fauxpas womöglich etwas schwieriger, denn die Damenwelt steht aktuell eher auf mit exklusiver Männer-Kosmetik geglättete Haut ohne Häarchen unter den Achseln und im Schritt, dafür gut getrimmt im Gesicht. Für Mädels ist es ähnlich, nur bitte zusätzlich ohne Haare im Gesicht.

Wer es etwas zurückhaltender aber nicht ganz ohne Feuerwerk ins neue Jahr starten mag, für den sind die 5 „Riesenwunderkerzen“ mit einer Brenndauer von 5 Minuten pro Stück (!) für 2,99 € mein „Geheimtipp“. Die liegen für die Stunde knapp einen Euro über Mindestlohn nach Steuer (~6,25 €). Damit kann man es krachen lassen ohne dass dafür ein Kleinkredit für die Party fällig wird. Der Radau lässt sich mit einem beliebigen Knüppel in Kombination mit der Plaste-Mülltonne machen. Schmeißen kann man die Teile sicherlich ebenfalls, wer es etwas dynamischer mag. Die Reste eingesammelt, lassen sich die Drähte für ein paar Cent zum Altmetall bringen. Aber Vorsicht. Selbst diese unscheinbaren Teile eignen sich vorzüglich für verschiedene Varianten der Selbstverstümmelung.

Wer mehr will als 77 Sekunden Ablenkung für 50 € oder eine Stunde zum Mindestlohnsatz, kann das problemlos und sogar kostenlos bekommen. Einfach mal Mobiltelefon aus machen, auf die Leute zugehen, sich interessieren und unterhalten. So richtig persönlich interaktiv. Was sich womöglich wenig mega liest, bietet die Chance auf sehr viel nachhaltigere Unterhaltung, bis weit in das kommende 2017 hinein oder sogar darüber hinaus.

Einen guten Rutsch und ein gesundes, erfolgreiches, spannendes 2017.