Sachleistungen

Ellwangen lässt Politiker zu Höchstform für „neue Ideen“ hochlaufen. Einige offenbaren mit ihren Vorschlägen eine erschreckende Ahnungslosigkeit.

In der Frankfurter Allgemeinen schlägt der sächsische Minister­präsident Kretschmer vor, Flücht­linge sollten EU-weit identische Sach­leistungen erhalten. Das würde die Attrak­tivi­tät des Asyls in Europa im allgemeinen senken, die in Deutschland im Besonderen.

Klingt erst mal nach einem Plan. Doch erkenn­bar einem, über den besten­falls während des Aus­sprechens nach­ge­dacht wurde. Denn allein die Dis­kuss­ion in der EU zur Definition dieser „ein­heit­lichen Sach­leis­tungen“ würde Jahre dauern. Wie soll beispiels­weise in den schwachen EU-Staaten ein „Standard“ dar­stell­bar sein, von dem weite Teilen der dortigen Bevöl­ker­ung eben­so­weit entfernt leben? Natür­lich sollte die Sach­leistung dort „ange­passt“ sein. Das würde jedoch in Deutsch­land die Gut­menschen auf die Straße treiben, denn das läge weit unter dem, was wir für uns als Minimal­stan­dard definieren.

Bereits das Ersetzen von Geld durch ungleiche Sach­leis­tungen wäre für viele Länder – inklusive Deutsch­land – eine große, häufig kaum bewältig­bare Heraus­for­der­ung. Wie soll beispiels­weise die Nahrungs­ver­sorgung in Gemeinden organi­siert werden, die bereits mit der Auf­nahme der Flücht­linge an ihre Grenzen stoßen? Das muss jemand leisten, das er­for­dert Logis­tik, letzt­end­lich erzeugt es neue Probleme, weil es bereits ziemlich pro­blematisch sein kann, das richtige Essen vor­zu­halten. Ein grif­figes Beispiel ist schon der für Un­ein­geweih­te un­klare Unter­schied zwischen „Koscher“ und „Halal“. Das berührt direkt religiöse Gefühle – sehr heikel.

„Zuteilung“ ist immer schwierig – das Thema hatten wir doch erst vor ein paar Wochen bei den Tafeln. Die „den Kom­munen auf der Nase herum­tan­zenden, allein­reisen­den Männer“ wären dann eine kon­krete Heraus­for­der­ung für das Personal. Da würde die Essens­verteilung schnell zu bewaff­neten Groß­einsätzen der Polizei mutieren. Zumindest lässt das Ellwangen vermuten.

Vor dem Dilemma des „Standards“ in der EU müsste zudem erst einmal inner­halb der Republik „Ein­heit­lich­keit“ her­gestellt werden. So lange ein Harz-IV-Empfänger in Nieder­sachsen nur einen Golf haben darf, während ein Münch­ner Harzer seinen BMW behalten kann, Frauen für die gleiche Arbeits­leistung weniger Geld bekommen und es ein er­heb­liches Lohn­gefälle in der Republik gibt, ist das mit den „ein­heit­lichen Sach­leis­tungen“ etwas, wofür gerade die Politik wenig Geschick zeigt.

Die Logistik ließe sich zweifellos in den „XXL-Sammelzentren“ ala Seehofer einfach und straff lösen. Doch dort konzentrieren sich dann auch Menschen, die teilweise vorei­nan­der geflohen sind, ein Sammel­becken von Lange­weile, Frust und Aus­sichts­losig­keit. Ein prima Nähr­boden für „den Komm­unen auf der Nase herum­tanzen­de Männer“ mal zu zeigen, was in ihnen steckt, wenn sie sich formieren. Jeder der in Physik auf­ge­passt hat weiß, dass es eine „kritische Masse“ gibt, die keines­falls über­schrit­ten werden darf, wenn der Knall ver­mie­den werden soll.