Relativität

Gestern abend habe ich so durch die Sender gezappt. Ein allabendliches Ritual des Herunterkommens. Dabei habe ich einen Beitrag von einem Privatsender gestreift, der sich sehr intensiv mit der Mitgliederbefragung der SPD zum Thema Koalition beschäftigt hat. Da wurde eine Deutschlandkarte bemüht, die Anzahl der Wähler bei er Bundestagswahl ermittelt und der prozentuale Anteil der SPD-Mitglieder daran. Auch, dass davon ja viele gar nicht zur Wahl gehen würden, wusste der Bericht. Woher auch immer. Jedenfalls kam man dann auf nicht näher erläuterten Rechenwegen1 zum Ergebnis, dass die Mitgliederentscheidung der 475.000 SPD-Mitglieder gerade einmal 0,8% der Wahlberechtigten zum Zünglein an der Waage macht. Das sei ja ziemlich bedenklich.

Das Hamburger Abendblatt jubelt gleichzeitig über Abstimmungsergebnisse, zu denen unsere Medien die Nase rümpfen würden, kämen diese Zahlen beispielsweise aus Russland, China oder Nordkorea. Fast 100% ist ein Gleichklang, der in einer heterogenen Gesellschaft eigentlich unmöglich scheint. Allerdings: Es war ja eine CDU-Abstimmung. Da ist es mit der Heterogenität sicherlich nicht ganz so weit her. Und es waren nicht die CDU-Wähler, die mit fast 100% gestimmt haben. Es waren auch nicht die CDU-Mitglieder, die mit fast 100% gestimmt haben. Nein, es waren 165 Delegierte eines Bundesausschusses der CDU, die mit fast 100% gestimmt haben.

Wenn 475.000 SPD-Mitglieder 0,8% von 59.375.000 Wahlberechtigten sind, sind 165 Mitglieder eines wie auch immer gebildeten Ausschusses ( Nasengröße, Augenfarbe, Alter? ) 0,000028% der Wahlberechtigten. Also gerade einmal 0,000137% der SPD-Mitglieder.

Wenn Wikipedia Recht hat, kommt Demokratie aus dem Griechischen und bedeutet Herrschaft des Volkes. Eine CDU-Ausschuss-Abstimmung hat — proportional betrachtet — demnach außerordentlich autoritäre Züge, bei der ein paar Wenige bestimmen, was für alle anderen gut sein soll. Ignoranterweise thematisiert das niemand in der Presse. Dass SPD und CSU2 mehr Volksentscheide wollen, die dann ja irgendwie auch mehr Volkesstimme in die Politik bringen würde, wird ebenfalls geflissentlich von den Naserümpfern ignoriert.

Echt blöd wird so ein Bericht, wenn wenige Tage vorher das Bundesverfassungsgericht ziemlich deutlich macht, dass eine Beteiligung von möglichst Vielen an einer Entscheidung nicht nur verfassugnsrechtlich erlaubt, sondern sogar gewollt ist.

Es stellt sich mal wieder die Frage, wer in Deutschland Meinung macht, denn ab einem gewissen Punkt macht Meinung Macht. Und das hat dann mit Demokratie ganz und gar nichts mehr zu tun.

Nachbemerkung

Dieser Bericht zeigt überdeutlich, dass Informationen aus den Medien einer großen Relativität unterworfen sind, denn es lässt sich immer ein Maß finden, aus dem heraus etwas schlecht oder gut sein kann. Bereits die betrachteten Parameter und das Weglassen anderer Faktoren können völlig unterschiedliche Ergebnisse aus identischen Ausgangszahlen errechnen. Nach unseren Berechnungen wäre bereits ein maßgeblicher Hinweis auf diese Relativität einer Einschätzung. So kam der Bericht von Planetopia aber nicht rüber. Da geilt man sich an kuriosesten Zahlen auf, u.a. dass da Leute befragt würden, die ja gar keine deutsche Staatsangehörigkeit hätten oder minderjährig seien. Na und? Die sind Mitglieder unserer Gesellschaft, um die sich Politiker ebenso kümmern müssen wie um die, von denen Sie gewählt werden dürfen, wobei dieses Recht von vielen gar nicht beantsprucht wird. Noch so ein Detail, dass bei dieser Betrachtung außer Acht gelassen wird.


  1. Der allerdings nicht wirklich komplex ist. Rückwärtsgerechnet ergibt sich aus der Mitgliederzahl der SPD die Anzahl der Wahlberechtigten von 59.375.000. Habe ich nicht weiter geprüft, erscheint mir glaubwürdig. Damit habe ich dann meine Zahlen ermittelt. ↩︎

  2. Meldung bei der Süddeutschen: Eine ungewöhnliche Verbrüderung. ↩︎