Rechenkünstler

Subjektiv ist der ebay-Hype etwas abgeflacht. Im „richtigen“ ebay schaue ich gar nicht mehr rein. Das ist in einen Augen mittlerweile ein Verkaufsplatz, der lediglich das Gefühl vermittelt, man könne handeln. Allerdings gibt es — zumindest dort, wo ich gerade mal versuchsweise geklickt habe — nur noch einen Knopf: Sofort kaufen.

Damit ist das alte ebay zumindest aus meiner Sicht das schlechtere Amazon, denn was die Präsentation betrifft, läuft der große Bruder mühelos in einer deutlich höheren Liga auf. Aber es gibt ja noch ebay Kleinanzeigen.

Das nutze ich selbst ganz gern. Jeder hat Sachen daheim, die zwar noch in gutem Zustand sind, aber schon mehr oder minder lang nur von A nach B und wieder nach A geräumt werden. Benutzen ist was anderes. Da wir alle eh schon viel zu viel weg werfen, ist es eine nette Sache, dass Dinge, die ich nicht mehr brauche, jemand anderes gefallen oder nützlich sind. Dass es im Tausch noch ein paar Euro gibt, ist für mich ein Seiteneffekt, mit dem z.B. die Urlaubskasse etwas aufgebessert werden kann.

Allerdings würde ich es keinesfalls Geld verdienen nennen. So manches Verkaufsgespräch ist eine ziemlich zähe Sache und fängt regelmäßig mit „Ist das noch da?“ an. Selbst wenn in der Anzeige steht: „Solange die Anzeige gezeigt wird, ist es auch noch da!“ Womit die Nachfrage ein erkennbares Misstrauen gegenüber der Plattform zeigt.

Das ist durchaus nachvollziehbar. Spätestens, wenn mehrere Verabredungen für die Abholung scheitern und sinnlos auf jemanden gewartet wird, der nicht kommt. Aufgrund der im Grundsatz durchaus lobenswerten Anonymität, die der Marktplatz bietet, ist es für den Anbieter nicht ganz so toll. Der muss einen Tauschplatz angeben und muss dafür seine Anonymität mehr oder minder aufgeben. Der Interessent dagegen kann sich weiterhin geschützt bewegen.

Oder man packt Sachen ein, für die Versand vereinbart wurde und dann kommt kein Geld. Die Mühe und den Aufwand zahlt niemand, oft wäre es — würde man sich selbst einen Stundenlohn von 5 € zahlen — mutmaßlich wirtschaftlich attraktiver, das Teil einfach in die Tonne zu hauen.

Aber man geht ja insgeheim auch davon aus, dass das Ding, das man selbst mal mit einer gewissen Zuneigung erworben hat, einen netten neuen Besitzer bekommt und der letzte Weg auf diese Weise noch ein wenig verzögert wird. Da ist das mit dem Geld verdienen nicht mehr so ganz im Zentrum.

Wie sehr das aus dem Fokus rutschen kann, zeigen regelmäßig Anzeigen, die sich der Marketing-Instrumente bedienen, die ebay-Kleinanzeigen dem Anbieter offeriert, damit sein Produkt besser platziert wird. Das beginnt mit hochschieben für 1,95 €, damit die Anzeige an den Anfang gesetzt wird. Denn die Angebote rutschen mit jedem neuen Anbieter unerbittlich nach unten.

Wer nicht alle paar Tage 1,95 € ausgeben will und die Anzeige nicht einfach löschen und neu aufgeben will (der gleiche Effekt kostenlos), kann sich mit Top-Anzeige für 9,95 € für sieben Tage eine Spitzenplatzierung sichern. Wobei das dann markiert ist, also eine Art Kainsmal hat, mit dem jeder sehen kann, dass man nachhilft.

Oder man kauft für etwas weniger ein Highlight für 2,95 €, eine Hervorhebung, die sieben Tage leuchtet. Wer es richtig krachen lassen will, kauft sich mit der Galerie für 29,95 € zehn Tage einen Platz auf der Startseite. Angeblich unübersehbar, wobei die Rollpfeile nach links und rechts dazu im Widerspruch stehen.

Besonders spannend finde ich die Top- und Galerie-Anzeigen, die etwas für unter 10 Euro bzw. 30 € anbieten. Da muss die Liebe zum angebotenen Artikel die Grundrechenarten außer Kraft setzen. Eine Jacke für fünf Euro mit einem Top für 10 € markieren, ist nur noch so erklärbar. Dazu noch mindestens fünf aufwändig drappierte Bilder, die das gute Stück in ein perfektes Licht rücken und natürlich die Schlussbemerkung sehr guter Zustand.

Möglicherweise erzieltes Geld — was bei allem Aufwand keinesfalls gesichert ist — dem Aufwand und den Kosten gegenüber gestellt, ist für mich ein schlagender Beweis, dass Pisa recht hat, wenn dort behauptet wird, dass rund ein Viertel der Bevölkerung1 womöglich sogar mit einfachen Formeln an seine Grenzen gebracht wird.


  1. Ich räume ein: Da werden Schüler getestet. Allerdings werden die zu Erwachsenen und es ist eher unwahrscheinlich, dass die sich alle nachschulisch zu Mathe-Genies entwickeln. ↩︎