Qual der Wahl

Am Sonnstag dürfen wir wählen. Ein Privileg, dass für uns so selbstverständlich ist, dass viele seinen Wert gering schätzen und meinen, sie könnten mit der Zeit Besseres anfangen. Ein großer Irrtum.

Welchen Weg wählst du? Ich habe mir gestern die Zeit für das vielbeachtete Rezo-Video: „Die Zerstörung der CDU“ genommen. Einige Aussagen mag der ein oder andere kritisieren. Doch mit seinem Fazit liegt er durchaus richtig. In der aktuellen Parteienlandschaft ist keine der ehemaligen und Möchtegern „Volksparteien“ wählbar. Die selbstgefällige Hilflosigkeit der CDU im Umgang mit dem Video unterstreicht das.

Das Video ist zwar ein „Downer“, macht jedoch Hoffnung. Wenn ein Mittzwanziger, der sein Geld normalerweise mit belanglosen Unterhaltungs-Videos1 verdient, einen bemerkenswerten Aufwand für Recherche und Erstellung eines solchen Videos treibt und damit (Stand: 24.05.2019 10:15 Uhr) rund 7,2 Millionen Aufrufe bekommt oder eine Greta Thunberg mit ihrer Fridays for Future-Aktion viele Tausend, vor allem junge Leute, auf die Straße holt, ist die Handy-Generation offenbar doch interessierter an ihrer Umwelt oder den Verhältnissen, als ihnen gern unterstellt wird.

Diese Initiativen und die Reaktion darauf zeigen jedoch das eigentliche Problem: selbst für breite Bedürfnisse gibt es keine Interessenvertretungen mehr in unseren Parteien. Sie schreiben sich zwar alles Mögliche auf die Fahnen, ins Parteibuch oder in die „richtigen“ Antworten für den Wahl-O-Mat, allerdings folgen die Handlungen nur sehr begrenzt den Aussagen. Soweit sie überhaupt etwas damit zu tun haben.

Sehr bedenklich finde ich den Umgang der „etablierten Parteien“ mit solchen Aktivitäten. Die Aussagen spiegeln mit wenigen Ausnahmen die Arroganz und Ignoranz von Macht, zeigen den sich verbreiternden Graben zwischen den Menschen und der Politik. Letztere versteht Erstere offenbar lediglich als „Wahlvieh“, dass zwischen den Wahltagen gefälligst still halten und sich regieren lassen soll, wie „die da oben“ es für „die da unten“ richtig halten.

Fatalerweise gibt es aktuell lediglich kleinere Übel. Objektiv betrachtet bieten Kleinst-Parteien auf den Wahllisten keinen Ausweg. Sie vertreten letztendlich wie auch immer gelagerte Einzelinteressen und bedienen auffallend häufig ebenfalls nur zugkräftige Schlagworte ohne substantielle Lösungsvorschläge. Wenn ich mir die Situation meiner Heimatgemeinde vor Augen führe, in der lokale Wählergruppen den Gemeinderat beherrschen, sich jedoch mit Detailfragen derart gegenseitig blockieren, dass einem selbst bockige Kleinkinder konstruktiv erscheinen, ergibt das – ein paar Ebenen höher gespiegelt – keine Lösungsansätze für die brennenden Probleme.

So lässt sich das Dilema lösen:

  1. Auf jeden Fall wählen gehen. Wer zu Hause bleibt, stärkt die Parteien, die dieses Verhalten mit Verachtung strafen soll. Keine Stimmabgabe bedeutet „stillschweigende Zustimmung“.
  2. Wahrscheinlichkeiten abwägen. Wo kann meine Stimme am ehesten etwas bewirken? Nur in den Parlamenten und Räten bekommen Gewählte Gehör und können etwas ausrichten.
  3. Ziele prüfen. Die Ergebnisse des Wahl-O-Mat sind bestenfalls Anhaltspunkte. Die Seiten der Partei(en) im Internet sind durchaus hilfreich. Dort finden sich Parteiprogramme, die mal überflogen werden können.
  4. Glaubwürdigkeit abwägen. Zu guter Letzt ist alles – wie sooft – eine Glaubensfrage. Trau' ich den Versprechen der Versprechenden? Halte ich sie für fähig und gewillt, meine Interessen nachhaltig und uneigennützig zu verfolgen?

Das erfordert womöglich ein bisschen Zeitaufwand. Doch wird der geringer ausfallen, als der von Rezo für sein Video oder Greata's für ihre Bewegung. Ich hoffe sehr, dass diese Beiden möglichst viele wachgerüttelt haben, sich selbst um ihre Belange zu kümmern.

Wählen gehen gehört unbedingt dazu.

Das Bild stammt von Pixabay.


  1. Das ist keineswegs despektierlich gemeint. Unterhaltung ist o.k., „Unterhalter“ jedoch keineswegs deshalb unpolitisch oder unfähig zur Ernsthaftigkeit. ↩︎