Potenzielle Ziele

Ich war gestern bei einer Veranstaltung im Funkhaus Radio Bremen. Bei der Ankunft war ich etwas irritiert, weil vor und um das Gebäude herum eine wirklich auffallende Polizei-Präsenz war.

Da sich keine Berühmtheit der Sorte angekündigt hatte, die immer mit Eskorte und blau rotierender Beleuchtung vorfährt, war ich etwas verwundert. Auf Nachfrage erläuterte ein freundlicher junger Beamter, dass man momentan alle Medien verstärkt schützen würde. „Die Vorfälle in Paris“ seien der Anlass dafür.

Ich glaube, so gut wie gestern wurde wahrscheinlich noch nie von Staatswegen auf mich aufgepasst. Allerdings schleicht sich schon ein eigentümliches Gefühl ein, wenn klar wird, dass das allein der Fall ist, weil man selbst ein „potenzielles Ziel“ geworden ist. Nur weil man sich in einem Haus befindet, in dem „freie Medien“ untergebracht sind.

Wobei das „frei“ sich lediglich auf den Umstand bezieht, dass da eventuell mal in einer Fernsehsendung die Karikatur eines Mannes mit Turban und Bart gezeigt wird. Was für mich ein Mann mit Turban und Bart ist, ist für andere offenbar eine derart verletzende Gotteslästerung, dass sie dafür mordend durch die Lande ziehen.

Wenn Gott allmächtig ist — was meines Wissens alle monotheistischen Religionen als Basisregel geltend machen — dann hätte er zweifellos Mittel und Wege, sein Missfallen gegen Leute auszudrücken, die ihn lästern. Sicherlich werden jetzt einige einwenden, dass er sich nicht einmischt, weil das nicht seine Art des Umgangs damit sei. Dann frage ich mich natürlich, warum sich dann Menschen in radikalst möglicher Form eine Einmischung erlauben.

Also sich anmaßen Dinge zu verurteilen und nach eigenem Ermessen zu bestrafen, die dem Chef offenbar wurscht sind bzw. die er sicherlich in seiner Schöpung ausgelassen hätte, wenn sie ihn nerven würden. Ich räume ein: nervt den Chef offenbar ebenso wenig, sonst könnte er da ebenso gut einschreiben. Was er erkennbar nicht macht.

Allerdings erscheint es mir schon ziemlich lästerlich gegenüber einem Schöpfer, der scharfen Verstand, freie und eigene Meinung und noch einge Dinge mehr in seiner Schöpfung vorgesehen hat, dass seine Schöpfung von einer im Wesen gleichrangigen getötet wird, weil erstere die gegebenen Geschenke annimmt. Und sich damit anmaßt, etwas Besseres zu sein, als die anderen Geschöpfe.

Was im Umkehrschluss bedeute würde, dass es auch „schlechtere Schöpfung“ gäbe. Das wiederum würde jedoch den Schöpfer in Frage stellen, denn dann trüge er ja den Makel, dass er nicht perfekt wäre. Was für jemanden mit Allmacht ein Paradox darstellt. Worin könnte der Spaß liegen, etwas „unperfektes“ zu schaffen, wenn Perfektion eine grundlegende Daseinsbegründung ist?

Natürlich. Das sind die unergründlichen Wege des Herrn. Was wiederum bedeutet, dass er sich wohl was dabei gedacht hat — was auch immer, man muss ja nicht alles verstehen. Jedoch ist es dann wieder seine gottgewollte Schöpfung, an der — meiner Meinung nach — kein Mensch nach eigenem Ermessen, und schon gar nicht im Namen Gottes, rummäckeln und dafür töten darf. Das ist dann nämlich Gotteslästerung.

Ganz davon ab, dass ich mir nicht sicher bin, ob 721 Jungfrauen wirklich eine Belohnung für so einen Scheiß sind. Wenn die alle noch Jungfrauen sind, wollte die wohl keiner. Fragt sich, warum. Und wenn sie tatsächlich allein aufgrund massivem Frauenüberschusses im Paradies einfach noch keinen abbekommen haben, dann werden sie 72x Bedürfnisse anmelden, bei denen einem dann im wahrsten Sinne des Wortes womöglich die Lust ver- und die Luft ausgeht.

Wenn wirklich die 72 Mädels das potenzielle Ziel dieser in meinen Augen ziemlich Fehlgeleiteten sein sollten, dann sollten sie es erst mal mit ein paar auf der Erde versuchen und sich fragen, ob der Märtyrer-Tod und auf Ewig 70 Frauen an der Backe haben, wirklich so cool ist. Die bleiben wohl kaum ewig Jungfrauen — denn dann wäre die Konsequenz ewige Enthaltsamkeit und täglich aufdringlichere Mädels mit wachsendem Bedarf.

Womöglich ist das Ganze ein ziemlich fieser Übersetzungsfehler. Nämlich kein Lohn und Spaß, sondern Strafe und Qual. „Massive Unterzahl“ ist für ein Geschlecht immer irgendwie Mist. Jedenfalls halte ich das nicht wirklich für erstrebenswert. Wenn man das dann konsequent in seine Überlegungen einbezieht, ist friedlich nebeneinander Leben und jeden mit Respekt und Rücksicht behandeln und sein eigenes Ding machen lassen eine ziemlich faire und gute Sache. Klingt für mich nach göttlichem Plan.


  1. In der ersten Fassung meines Textes habe ich von 70 Jungfrauen geschrieben, weil ich unterschiedliche Zahlen erinnert habe. Die Lagen zwischen 70 bis 77. Damit es keinen Grund zu Protest wegen völlig überzogener Zahlen gibt, hatte ich mir für die Unterkante entschieden.
    Mittlerweile habe ich bei „Die Welt“ die „72“ gefunden.
    Ich hatte da offenbar etwas durcheinander gebracht, weil es „70 Plätze für Familienmitglieder“ und noch ein paar weitere Optionen im angeblich ausgelobten Märtyrer-Paket geben soll. ↩︎