Postkarten statt WhatsApp - NoSi bloggt

Postkarten statt WhatsApp

Ein groß aufgemachter Artikel der „Märkische Allgemeinen Zeitung“ verkündet die Trendwende: Postkarten seien beliebter als WhatsApp-Grüße aus dem Urlaub.

Das ist doch mal eine Überschrift:

Wieder im Trend: Postkarten statt WhatsApp

Als schreibaffinem Menschen bubbert da mein Herz glatt zwei, drei Schläge schneller. Weil der Artikel auf der Frontseite angerissen wird, blättere ich neugierig auf Seite 15 weiter. Wow! Etwa drei Viertel der Seite nimmt der Artikel ein. Mit einem verstärkenden Untertitel:

Von wegen nur was für alte Leute - auch Kinder und Jugendliche schreiben wieder gen eine Karte aus den Ferien - das ist persönlicher 1

Die Zeitungsseite als Übersicht

Selbstverständlich wird diese Behauptung mit Fakten untermauert. Im Juli seien doch tatsächlich 173 Postkarten in der Touristeninformation verkauft worden. Einhundert-drei-und-siebzig. Hossa. Wenn das keine brutale Trendwende ist, die den Untergang von WhatsApp einläutet.

„Viele Teenager“ würden zur Postkarte greifen - wobei, naja, den größeren Anteil habe die Generation 40+. Also die, bei der WhatsApp das Kommunikationswerkzeug ist.

Was mir spontan fehlt, ist eine Statistik, wie stark die Nutzung von WhatsApp im Umkreis der Postkarten-Verkaufsstellen eingebrochen ist, bei dieser sog-haften Wirkung der Postkarten. Könnte sein, dass da ein klitzekleinwenig journalistische Nachlässigkeit aufblitzt, weil auf Nachprüfbarkeit und Objektivität verzichtet wurde.

Denn statt belastbarem Vergleichsmaterial gibt es detaillierte Hinweise zu den verfügbaren Postkarten und den Einkaufsmöglichkeiten. Abschließend wird noch ein Auszubildender zitiert, der weder Postkarten noch WhatsApp nutzt, statt dessen lieber anruft.

Was sagt mir das?

Da war wohl noch Platz, der gefüllt werden musste. Der Artikel über den stark fallenden Trend der öffentlichen Toiletten will der Chefredakteur als potenzielles Reizthema erst nach der Ferienzeit nehmen, also musste jemand ziemlich hart an den Fingern saugen.

Die Erkenntnis, dass Menschen sich gern antagonistisch verhalten, überrascht mich kaum. Ältere nehmen WhatsApp weil es „jünger macht“, während Jüngere es einfach cool finden, mal etwas „Unerwartetes“ zu tun.

Ob und wie sich das auf das tindern oder instagrammen ausgewirkt hat, fehlt ebenfalls in der Betrachtung. Bei genauerem Hinsehen bleibt eigentlich nur ein üppiger Schleichwerbungsartikel für die Vielfalt der lokalen Postkarten-Angebote und deren Anbieter übrig. Mit WhatsApp oder „Trend“ hat es nur soviel zu tun, dass ein Aufhänger gebraucht wurde. Wettern über „den neumodischen Kram“ steht einer altehrwürdigen Zeitung augenscheinlich mediengerecht zu.

Wer mit so einem Artikel angesprochen werden soll, erschließt sich mir ehrlicherweise nicht. Ich bin nur froh, dass die Zeitung nichts gekostet hat. Es gab sie als 14-Tage-Kostenlos-Abo zum Kauf von Gummi-Stiefeln dazu. Mehr ist sie - leider - auch nicht wert.

Epilog

Während der Artikel entsteht, klingelt eine „0800“-Nummer an. Eine Dame fragt, ob wir das kostenlose Abo der „Märkische Allgemeine Zeitung“ hätten. Sie könnte noch was drauflegen: 4 Wochen länger, davon 14 Tage bezahlt und ein Rossman-Gutschein für 10 EUR, blieben nur knapp über 10 € übrig. Sie war etwas irritiert, als ich erwiderte, dass ich selbst geschenkt kein Interesse an einer Verlängerung hätte.


  1. Die schlechte Lesbarkeit des Artikels im Bild ist dem Urheberrecht geschuldet. Ich will natürlich meine Zitate belegen. Der ganze Artikel ginge jedoch weit über ein Zitat hinaus. Deshalb ist der Zusammenhang und die (ebenfalls zu belegende) Ausdehnung des Artikels erkennbar und nur die konkreten Textstellen, auf die ich mich beziehe, lesbar. ↩︎