Orientierungshilfe?

Update 20.05.2019! Für die diesjährigen Wahlen gibt es wieder einen Wahl-O-Mat. Doch der führt möglicherweise in die Irre und offenbart Wundersames, wenn man sich etwas Zeit nimmt.

Update: Zeitungsberichten folgend hat eine kleine Partei genau das hier nachfolgend geschilderte Dilemma als Argument bei einem Gericht durchgesetzt: der Wahl-O-Mat musste in der hier beschriebenen Form abgeschaltet werden, weil er kleinere bzw. unbekanntere Parteien mit der Beschränkung auf acht Vergleiche benachteilige.

Alle Parteien auf einer Karte Bisher bin ich davon aus­ge­gan­gen, die Bundes­zentrale für Poli­tische Bildung (bpb) veröffentliche nur Infor­mation­en, die auf sorg­fältiger Recher­che beruhen. Ich erinnere mich dabei an die Hefte, die zu meiner Schul­zeit für die NS- und Nachkriegszeit eine vor­züg­liche Infor­ma­tions­quellen waren.

Auf diesem Erfah­rungs­hin­ter­grund sollte mich der Wahl-O-Mat als Orien­tie­rungs­hilfe bei der Europa­wahl unter­stützen. Wobei das mit Hinder­nissen verknüpft war, denn bereits die Suche ist irritierend. Welches der diversen Angebote einschlä­giger Such­ma­schinenen das Richtige ist, erfordert genau­eres Hin­sehen. Diverse Publi­kation­en bieten Links zum Wahl-O-Mat an, doch ob das wirklich „der Wahl-O-Mat“ der bpb ist, lässt sich wahr­schein­lich nur verläss­lich am Link erkennen. Der sollte mit „https://www.wahl-o-mat.de/“ beginnen.

Was mir spontan aufstößt sind die „Medien­partner“, die dort bei den Start­seiten der jeweiligen Wahl­beratungs­werk­zeuge gelistet werden. Bei der „Ent­schei­dungs­hilfe für die Europa­wahl“ ist das eine statt­liche Liste. Was haben die davon? Welchen Einfluss hat das auf den Wahl-O-Mat?

Wenn ich dann noch lese, was das bpb zum Wahl­pro­gramm der AfD schreibt, nämlich „Sie will das in ihren Augen un­demo­kratische EU-Par­la­ment abschaffen, …“, einem Bericht der „Welt“ zufolge jedoch vom Wal-O-Mat der AfD neuer­dings eine „neutrale Position“ gegen­über Europa zugeor­dnet wird, bekomme ich erheb­liche Zweifel an der Belast­barkeit der Ein­schät­zungen. Wenn keine solide Recher­che das Ergebnis bestimmt, sondern das, was die Parteien „positions­opti­mierend“ im Wahl-O-Mat als ihre Haltung ausgeben, ist das „Infor­ma­tions­angebot“, das der Wahl-O-Mat bieten will, min­des­tens tenden­ziell, womög­lich zweifelhaft.

Da ich mich selbst als Europäer mit Pro-euro­päischer Haltung verstehe, erklärt sich mir damit, warum eine Partei mit dem Slogan „Europa ist uns egal!“ bei meinen Wahl-O-Mat-Befra­gungen immer sehr weit vorne auf­taucht. Der Vergleich ist auf jeweils acht vom Nutzer zu bestim­men­de Parteien beschränkt, womit keines­falls gewähr­leistet ist, dass der „Top­kan­didat“ darin ent­halten ist. Das bleibt ver­borgen, es sei denn, man macht sich Arbeit.

Was wahr­scheinlich kaum einer macht

Ich bin spontan klickend durch den Wahl-O-Mat gegangen und habe meine Auswahl ohne Gewich­tung aus­gewertet. Für alle wahl­betei­ligten 40 Parteien. Die für je acht Parteien erzeugte Ausgabe des Wahl-O-Mat habe ich mit Photoline zu einer Komplettauswertung montiert (s. Bild, dass hier in Originalgröße betrachtet werden kann).

Das Resultat fand ich interes­sant, denn dort laufen unter diesen Bedin­gungen Parteien in den Top10 auf, die ich bisher nie in „meinen acht“ auf­genom­men hatte. Beim Durch­lesen der Infor­mationen zu diesen Parteien beim bpb sah ich mich zwar darin bestätigt, bin jedoch verwundert, wie die das so weit nach Vorn schaffen, wo sie doch beim Lesen ihrer Pro­gramme tenden­ziell deutlich weiter hinten rangieren müssten.

Einerseits könnte es natürlich an der Auswahl der gestellten Fragen liegen. Strecken­weise beschleicht mich das Gefühl einer thema­tischen Beschrän­kung. Anderer­seits ist das Parteien­feld trotz­dem außer­ordent­lich dicht gedrängt. Bemer­kens­wert finde ich, dass bei diesem Spontan­test die NPD fast am Ende nur knapp hinter der FDP liegt und im Ranking dennoch deutlich die AfD schlägt Die selbst ernann­ten „Volks­parteien“ schaffen es gerade mal ins Mittel­feld.

Das „Durch­klicken“ aller Parteien geht recht fix mit der „Zurück“-Funktion des Browsers. Damit lässt sich ohne dass dafür wie hier ein Bild nötig ist schnell ermitteln, ob es einen bisher unent­deckten „posi­tiven Aus­reißer“ gibt, für den ein Blick in die angebo­tenen Kurz-Profile des bpb Klar­heit schaffen kann, ob das womög­lich eine Alterna­tive zum bisher­igen Wahl­ver­halten sein könnte.