Linux-Desktop ist keine Alternative

Mit meinem aktuellen Fokus, einem Ticket-System aus dem Open Source Bereich, komme ich natürlich mit Linux in Berührung. Auf Servern ist das ein beliebtes und schickes System, mit Android, das auf Linux basiert, extrem verbreitet. Auf dem Desktop hat es sich nicht durchgesetzt. Was ich sehr gut verstehen kann.

Während Microsoft mit einem aktuellen Windows und hoher Kompatibilität zum Vorgänger Kontinuität, Verlässlichkeit und eine klare Produktlinie vorgibt, zerfläddert sich die Linux-Community mit einer kaum überschaubaren Zahl verschiedener Distributionen und dafür dann noch unterschiedliche Desktops. Darunter gibt es erfolgreichere, doch die werden von Anhängern anderer Distributionen mit Argwohn betrachtet.

Während sich die — per Eigendefinition — Alternative zu Windows selbst kanibalisiert, weil Programme nur auf bestimmten Distibutionen funktionieren oder ungeeignete Distributionen unbrauchbar machen, schrumpft der Marktanteil von Linux immer weiter. Bei Statsitika taucht es schon gar nicht mehr auf, weil als einzelne Distribution jeweils irrelevant. Bei Netmarketshare werden alle Linuxe zusammengefasst, damit es als Betriebssystem überhaupt erfassbar wird. Alle zusammen werden jedoch mit ihren 1,66% sogar noch von ranzigen Windows-Versionen ab Vista und älter geschlagen, würden die ebenfalls zusammengefasst (1,68%).

Mit der vielgepriesenen, angeblichen Sicherheit von Linux ist es auch nicht weit her, wenn man sich leidlich aktuelle Zahlen ansieht. Die natürlich von Anhängern entsprechend kommentiert werden. Denn alles was das Weltbild trübt, ist entweder gefälscht, ein temporäres Problem oder eine grobe Fehleinschätzung. Der Anderen natürlich. Fester, unerschütterlicher Glaube ist eines der wenigen distributionsübergreifenden gemeinsamen Merkmale von Linux-Jüngern.

Ich habe Linux immer mal wieder eine Chance gegeben. Allerdings ist das — unabghängig vom Linux-Desktop — für meine tägliche Arbeit schlicht keine Alternative zu Windows für mich. Denn neben der hohen Diversität der Distributionen — die ich als weiteres Hindernis ausblende — scheitert es daran, dass es schlicht keine sinnvolle Software-Abdeckung zum professionellen Arbeiten für mich dort gibt (s. Update vom 19.12.2014 im Artikel „Glosse: Professionelle Bildbearbeitung unter Linux? Theoretisch schon!“).

Tolle Ansätze, aber nichts auf einem Niveau, dass ich mich als professioneller Nutzer darauf einlassen kann. Denn was mit der aktuellen Version funktioniert, kann mit der nächsten schon wieder vorbei sein. Keine Kontinuität. Oder es dauert ewig. Mein Paradebeispiel ist Incscape. Ein eigentlich tolles Programm, dass auch auf Linux läuft. Naja. Auf einigen. Dümpelt seit Jahre herum, weil (mutmaßlich) Energie in Basisdiskussionen statt in die Entwicklung fließt. Geld verdienen müssen kann für die Fokussierung von Energie und Arbeit ziemlich hilfreich sein.

Keine große Überraschung ist es deshalb, wenn Open Source gar nicht mehr so Open ist, wenn Mitarbeitern Schecks ausgestellt werden müssen. Da gibt es dann ziemlich schräge Konstruktionen, damit es irgendwie mit den verschiedenen Lizenzformen zusammengeht. Weil dass dann aber schon wieder Argwohn auslöst, insbesondere bei denen, die open mit kost´alles nix verwechseln. Vor allem fehlen Ressourcen, um Software auf das Niveau zu heben, dass Anwender unter Windows oder von ordentlich monetarisierten Produkten gewohnt sind. Womit sich die Marktchancen limitieren. Denn alles, das auch nur den Anschein von Erfolg hat (= Geld verdienen), wird mit den Werkzeugen der Szene, z.B. mit einem Fork, geschwächt.

Ein Seil wird jedoch nicht belastbarer, indem man zwei daraus macht. Wenn dann noch in verschiedene Richtungen dran gezogen wird, kommt zwar für besondere Fälle womöglich etwas Besonderes heraus. Aber das nennt sich dann Individualsoftware, die ein exklusives Luxusgut ist, weil Erstellung und Wartung viel Geld kostet. Und nüchtern betrachtet nur von denjenigen gewartet werden kann, die es angefangen haben. Sie wird also genau das, was Open Source per Selbstverständnis nicht sein will. Ein Programm, dessen Quellen ich herunterladen, aber letztendlich nur sehr unwirtschaftlich von anderen pflegen lassen kann — wenn überhaupt —, ist nicht nachhaltiger oder einer closed source überlegen. Sie ist einfach nur anders, hat aber die selben Einschränkungen.

Beim Betriebssystem, der Basis von allem, ist das für mich noch fataler. Was nützt mir ein freies, wenn ich dort nicht finde, was ich brauche? Oder meine Freiheit damit bezahle, dass ich vieles gar nicht machen kann oder jedes Mal einen riesigen Installationsaufwand oder erforderliche Wissensbildung betreiben muss?

Klar. Windows kostet Geld. Sagen wir mal 200 €. Dafür wird es dann durchschnittlich 10 Jahre1 lang mit Updates und Bugfixes gepflegt, ich kann meine vorhandene Software weiter nutzen, ich habe typischerweise einen störungsfreien Betrieb über Jahre. Für einmal 200 €. Wieviel Zeit kann ich für die erforderliche Eigeninitiative bei der Pflege eines Linux-Desktops damit bezahlen, die mir als Arbeitszeit verloren geht? Natürlich darf ich das so nicht sehen. Dafür bin ich ja frei. Was sperrt mich denn im anderen Fall ein?


  1. Preis und Dauer ist geschätzt, vielleicht auch länger/teurer, vielleicht auch etwas kürzer/preiswerter. Das ist nicht wirklich relevant. ↩︎