Lehrende und Belehrte

Die Gendrifizierung der Sprache wird von der Politik voran getrieben. Ich habe Zweifel, ob uns das zu besseren Menschen macht. Auf jedem Fall versaut es die Sprache.

Das Geschlecht behört zur Selbstbestimmung.In der niedersächsischen Landeshauptstadt Hannover soll die Verwaltungssprache geschlechtsneutral werden. Spontan stellt sich mir die Frage, wie ein Dekret etwas abschaffen soll, dass über Jahrhunderte gewachsen ist und sich beim Sprachdarwinismus erfolgreich durchgesetzt hat. Ich erinnere mich an die offiziell abgeschaffte Maßeinheit Kalorie, die hartnäckig ihre Position bei den Ernährungsangaben verteidigt. Oder der alberne Zwang von doppelten Maßangaben bei Bildschirmgrößen in Zoll und Zentimeter, weil irgend ein Bürokrat es für unerträglich hielt, zur Ermittlung einer Bildschirmdiagonalen im Landesmaß Bruch- und Multiplikationsrechnung mit dem Faktor 2,54 anzuwenden. Insbesondere, wenn für die Größe im Anbauschrank die Diagonale völlig belanglos ist, Höhe und Breite dagegen schon. Die wurden bereits vorher im amtlichen Maß „Meter“ und Teilen davon ausgewiesen oder im Laden mit dem Zollstock bestimmt.

Wer argumentieren will, das „Klafter“sei ja wohl erfolgreich durch Meter ersetzt, wird sich womöglich verwundert die Augen reiben. Es hält sich im süddeutschen Raum hartnäckig, wenn es um Brennholz geht. Dort offenbart sich ein gewisses Streitpotenzial, wenn ein bayrisches Klafter neben eins aus Österreich gelegt wird. Doch das ist mittlerweile bereinigt, das Klafter als spezielle Maßeinheit erfreut sich weiterhin großer Beliebtheit. Was daran liegen könnte, dass es sich dabei um ein Naturmaß handelt. So wie es sich bei Männlein und Weiblein ebenfalls um natürliche und überwiegende Erscheinungsbilder des Menschen handelt.

Ich sehe keinen Gewinn für irgendwen, wenn eine Schulrektorin nun „die Schulleitende“ heißt – wobei der Artikel „die“ noch gendert. „Das Schulleitende“ wäre zwar versachlichend, doch welche Artikel ist eigentlich der Richtige für „das dritte Geschlecht“? Es hat schon eine gewisse Absurdität, wenn für die Anwendung eines Gesetzes auf Grundlage des Verhältnsimäßigkeitsprinzip akzeptiert wird, dass je nach daraus resultierendem Aufwand 3 -5% der Bevölkerung damit ungerecht behandelt werden. Nun soll uns ein Behördendeutsch aufgezwungen werden, weil ein Promille der Bevölkerung von den Laune der Natur betroffen ist. Sowohl Erforderlichkeit als auch Angemessenheit erscheinen mir zweifelhaft.

Ich will keinesfalls das Lebensdilemma des Einzelnen klein reden. Die Neutralisierung oder Unterordnung der breiten Masse zu Gunsten einer Minderheit hat jedoch meines Wissens noch nie zu mehr Toleranz für die Minderheiten geführt. Im Gegenteil.

Ich bin sehr sicher, dass ein intersexueller Mensch keinesfalls als „es“ angesprochen werden möchte. Ebensowenig, wie die Masse der Frauen, die jeden Morgen viel Energie investieren, als möglichst attraktives Weibchen den Tag zu starten. Schlicht, weil sie es lieben, „Frau“ zu sein und auch als solche wertgeschätzt, behandelt und wahrgenommen werden möchten.

Von wenigen, sehr speziellen mich zeitlich Begleitenden abgesehen trägt niemand seine sexuelle Ausrichtung auf der Stirn. Intersexuelle werden kaum einen Pfeil in ihren Schritt anbringen mit dem Hinweis: „unklar“ und sich damit wohler fühlen. Allein die Behörden und einige verstörende Aktivisten legen Wert auf eine Begrifflichkeit, die objektiv keinerlei Relevanz hat. Wenn Luan keine Geschlechtsangabe machen will, dann soll „es“ halt seinen Willen bekommen. Wobei ich vermute, dass die Tendenz zu „er“ geht, wenn das bisherige „sie“ und „lesbisch“ keine Lösung war.

Das Problem sind einzig die Behörden, für die offenbar unvorstellbar ist, dass jemand mit einer Vulva ein Seelenleben mit Penis führt. Das Problem ist also weder die Sprache noch die Umwelt, sondern die Behörden, die eins daraus machen. Denn wären sie flexibler, gäbe es deutlich weniger Belastung für Betroffene. Die vermeintliche Neutralisierung führt in letzter Konsequenz nur zu Stigmatisierung und Entpersönlichung der Sprache.

Was wäre denn, wenn wir uns am Flughafen aussuchen können, wer uns abgriffelt, es egal ist, mit welchen Klamotten ich rum laufe und alle einfach gleich behandelt werden – egal ob was im Schritt baumelt, fehlt, da sein oder fehlen sollte? Eigentlich steht das so im Grundgesetz, Artikel 1, Absatz 1:

Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

Dazu gehört, dass ich eine Frau als Frau, einen Mann als Mann, einen Unentschlossen nach seinem Willen anrede und in den vor mir Sitzenden die gelebte Geschlechterrolle erkennen darf, soll und muss.

„Ich grüße alle Anwesenden“ mag gendertechnisch eine Lösung darstellen. Doch es ist erheblich uncharmanter und kälter als „Geschätzte Damen, verehrte Herren, liebe Kinder, wiehernde Amtsschimmel“.