Lebenslänglich

Bei XING lacht mich eine Nachricht an. „Die 6 besten Methoden für lebenslanges Lernen“. Die Überschrift ist Programm. Mein erlerntes Wissen, dass Zahlen bis zwölf ausgeschrieben werden, ist mittlerweile falsch.

Schreibung von Zahlen bis 12 – was der Duden sagt

Es gibt keinen AuswegEinerseits gibt es die an uns herangetragene Erwartungshaltung, dass wir lebenslang lernen sollen oder gar müssen. Wir sollen anderen erklären, mit anderen gemeinsam lernen, uns immer „Häppchen“ zum Horizont-Erweitern hinlegen. Natürlich sollen wir uns das Lernen aktiv vornehmen, vorzugsweise spielerisch oder zumindest Lernvideos konsumieren. Dementsprechend hat sich um dieses Thema ein lukrativer Industriezweig gerankt. „Lerne das Lernen“. Da wird Lebenshilfe für das angeboten, was der Mensch von Natur aus tut, denn er ist neugierig – pardon: Sollte es sein. „Lern-Coaches“ singen ein Credo auf die Normalität bisheriger Generationen und verkaufen das als neue Erkenntnis.

Andererseits müssen es diese „Trainer“ selbst noch lernen oder verschweigen es, weil es geschäftsschädigend wäre: Wer sein Leben lang lernt, kann Möchtegern-Schlaumeiern mit einem Satz die Butter vom Brot nehmen. Doch kein Vorgesetzter, erst recht kein „Lern-Coach“ will Mitarbeiter oder Kursteilnehmer, denen er Haushoch unterlegen ist. „Zu viel wissen“ kann sich deshalb zu einem Karriere-Killer entwickeln, der mit völlig absurden Erwartungen kaschiert wird. Ein exquisit ausgebildeter, dennoch arbeitsloser Ingenieur hat mir das mal so erklärt: »Wenn ich über's Wasser laufen könnte würden sie mich mit dem Hinweis ablehnen, dass ich leider nicht schwimmen kann.«

Was erzählen „Lerne lernen“-Offerten über die potenzielle Kundschaft, den Anbieter und das, was da tatsächlich beigebracht wird bzw. beigebracht werden soll?

Wer vom Lernen ablässt, sich aufrichtet und umschaut, wird feststellen, dass die Realität eine andere ist. Unsere Politiker sind das beste Beispiel dafür. Das ist keine „Elite der Schlauen“. Es ist vielmehr ein Sammelbecken für Durchschleimende, Sitzfleisch Habende, Intrigen Spinnende, Propagandistische, auch mal Bauernschlaue, vor allem jedoch Machtgeile. Völlig Blöde fallen zwar auch da durch das Raster, selbst wenn regelmäßig in Interviews oder Talkrunden ein anderen Eindruck vermittelt wird. Doch warum sollten Wissenskoryphäen auf Erfolg und Renommee beispielsweise als Spitzenanwälte oder Nobelpreis-verdächtig Forschende verzichten und statt dessen in den Niederungen der Politik ihr Heil suchen?

Vermutlich, weil sie sich aufgerichtet und umgeschaut haben. Sie haben nachgedacht und kapiert, dass allein mit Wissen kein Erfolg kommt. Die wirklich Schlauen dümpeln meistens in den Hinterzimmern und Laboren herum, dürfen Analysen machen und Texte verfassen, für die sich die Ledersessel-Fraktion anschließend feiern lässt. Dort sitzen meist jene, die für Grundlagenforschung, Entwicklung und Ausarbeitung völlig unfähig wären. Leute mit einer einzigen, dafür umso ausgeprägteren Kompetenz. Sie können vor allem sich selbst verkaufen. Wer jetzt an Prostitution denkt, liegt falsch. Dienstleister dieses Gewerbes bieten eine konkrete Eigenleistung feil. Top-Manager verdienen Ihre Boni mit dem Wissen, der Arbeit und den Fähigkeiten anderer. Manche sind dumm genug, es wirklich für ihren Erfolg zu halten, viele sind ignorant genug, dass sie das bewusst ausnutzen oder es ihnen völlig egal ist. Weshalb in diversen Fällen zumindest berechtigte Zweifel angemeldet werden müssen, ob Manager einen ehrenwerteren oder gar moralischeren Job als Nutten und Stricher machen.

Wozu also diese permanente Befeuerung der Arbeitnehmer mit der Anforderung des lebenslangen Lernens? Bereits die Hinweise auf die Form des vermeintlich optimalen Lernens offenbaren, dass es vor allem um „Anpassung“ geht:

  • Lerne von anderen und mach es genauso
  • Verinnerliche die Methode und halte sie strikt ein

Für den Erfolg in einer bestimmten Sache ist das sehr wahrscheinlich ein zweckmäßiger, zielführender Weg. Zumindest dann, wenn das Wissen von wirklich Wissenden vermittelt wird. Allerdings können selbst die keine Wunder vollbringen. Es ist wie mit Samen. Die müssen auf fruchtbaren Boden fallen, damit sie keimen und aus ihnen ein prachtvoller Baum werden kann. Wer sich hinstellt und behauptet, er könne Kieselsteinen das Schwimmen beibringen, ist ein Scharlatan. Wobei gerade die zunehmend Konjunktur haben.

Was leisten beispielsweise „Influencer“, außer etwas feil zu bieten (s.o: sich selbst) und damit als Marke für Marken zur Plattform werden?

„Beeinflussenden“ lässt sich zugute halten, dass sie zumindest was tun. In gewisser Weise sind sie sogar „Koryphäen“, denn sie stellen sich an die Spitze und rufen: »Hier geht's lang!« Allerdings ruht dieser Ruf selten auf erworbenem und überprüften Wissen. Meistens ist die Triebfeder eher eine zusammengereimte Meinung, ein Glaube, eine Hoffnung, tumber Spaß und Schadenfreude oder schlicht der Scheck eines Unternehmens, verpackt in einer zielgruppengerechten Hülle. Im Grunde sind es auch nur Politiker, denen sie allerdings eins voraus haben: Sie ersparen sich das mühsame Prozedere eines Wahlverfahrens in periodischen Abständen, dem noch ein langwieriges Hauen uns Stechen um die Listenplätze voraus geht. Daher sind Influencer typischerweise unverbrauchter und glaubwürdiger als Politiker, deren öffentliches Auftreten mit wachsender Relevanz zunehmend von ausweichenden und taktischen Antworten bestimmt wird.

Der Erfolg von „Influenzern“ basiert jedoch keineswegs darauf, dass sie besonders fleißig gelernt haben. Sie sind genau genommen der Albtraum jedes Arbeitgebers. Sie ragen nämlich heraus und erheben ihre Stimme. Auffallend oft sind die schulischen Leistungen dieser Spezies („Herausragende“ im Allgemeinen) eher mittelmäßig, teilweise richtig schlecht. Zumindest, wenn Schulnoten das Synonym für „Lernerfolg“ sein sollen. Was die Interpretation zulässt, die „Anpassung“ war dort weniger erfolgreich. Solange das „Herausragende“ läuft, ist das für die Protagonisten irrelevant. Mit etwas Glück haben sie der Oma zugehört und verstanden, dass planen für's Alter keineswegs „old school“ ist. Ein Großteil jener aus dieser Gruppe, die auf Oma's Rat gepfiffen haben und sich ausschließlich im „jetzt und hier“ bewegen, werden vorhersehbar ziemlich hart aufschlagen. Denn „mit nix“ wird es halt auch nix, es sei denn, Harz IV und „Tafel-Essen“, sowie die Hoffnung auf eine Einladung ins „Dschungel-Camp“ sind ein akzeptables Ausweich-Szenario.

Deshalb ist lebenslanges Lernen unstreitig unabdingbar. Diesem Prozess sollte lediglich ein kurzes und auch regelmäßiges Innehalten voran gehen:

Für wen, für was und wie.

Denn während so manchem Betriebs- und Volkswirt Zeit seines Lebens wesentliche Marktmechanismen unergründlich bleiben (Mal mit Politik versuchen?), lernen andere durch individuelles Ausprobieren, gegen den Strom schwimmen, auf die Nase fallen und schlicht immer einmal mehr aufstehen, wie so Manches funktioniert. Dafür gibt es allerdings kein Diplom, bestenfalls eine Reputation im regulären Arbeitsmarkt (z.B. als „Coach“). Dort geht es primär um erfolgreiches Mitschwimmen im Strom. Was zweifellos erlernbar ist. Bleibt lediglich das letzte „W“ übrig:

Warum sollte ich das tun?

Wenn die Antwort ein „…ich“ enthält, ist es Grund genug. Also beispielsweise »Weil ich Lust drauf habe, mich das interessiert.« Wenn erworbenes Wissen und Fähigkeiten darüber hinaus mit anderen geteilt werden, ist das vielleicht die tatsächliche Weisheit. Denn wirklich schlau ist es, durch den Blick zurück bereits begangene Fehler zu vermeiden und statt dessen lieber neue zu machen. Wer nur lernen möchte keine Fehler mehr zu machen, kann das zwar auch mit »weil ich das will« begründen. Das mag sogar für mich selbst gut sein. Doch in den meisten Fällen nützt das primär anderen, denen selbst das »Danke« dafür schon zu viel ist. Deshalb sollte „lernen“ stark egoistisch und individuell geprägt sein. Weil mit »Ich will …« alle großen Taten angefangen haben1.

Das Bild stammt von Pixabay.


  1. Gepaart mit einem Quäntchen Glück, großer Ausdauer, starkem Willen, Leidensbereitschaft, etc. Das nur der Vollständigkeit halber. ↩︎