Lebens-Weise

Heute wird Papa 89. Was für Zahl: Neunundachtzig. Das ist viel Zeit, in der viel passiert ist. Während ich mit 17 anfing darüber nachzudenken, was denn nach der Schulzeit so aus mir werden soll, hat er mit den bloßen Händen Kameraden ausgegraben, die durch Granateneinschläge verschüttet wurden. Manchmal mit Erfolg, aber oft auch ohne.

Er hat immer nur Andeutungen gemacht, was ein Krieg eigentlich ist und was er mit dir macht. Uns Söhne hat er jedenfalls sehr friedliebend erzogen. Das in seiner Jugend um ihn verbreitete Weltbild hat er stets verachtet und sich dagegen gestemmt. Leise, aber bestimmt.

Selbst mit 89 engagiert er sich für andere. Ein sehr bestimmendes Lebensthema. Er hat sich außerordentlich für Behinderte und Schwache engagiert. Bis heute und er macht keine Anstalten, dass er damit aufhört. In meiner Jugend habe ich ihn dafür gelegentlich gehasst. Für andere hatte er mehr Zeit als für mich. Jedenfalls hat es sich so angefühlt.

Allerdings war er immer da. Aber so, dass ich mir meinen Weg selbst suchen konnte und selbst suchen durfte. Er hat das kommentiert, wir waren selten einer Meinung. Aber er hat meine respektiert. Welchen Wert das hat, hat sich mir eigentlich erst in den letzten Jahren richtig erschlossen.

Wo es nötig war, hat er für uns Dinge möglich gemacht. Im Rückblick ein unerhörter Luxus und bereits für sich betrachtet, eine enorme Lebensleistung. Wie sagte mal die Nachbarin: Sechs Söhne und keiner im Gefängnis. Beeindruckend. Vielleicht, weil er uns alle gleich behandelt hat und zwar Dinge ermöglicht, aber nicht verschenkt hat. Er hat den Weg geöffnet, aber steinig gelassen. Wir mussten schon selbst sehen, wie wir das meistern.

Heute wird er 89. Gebeugt von den Jahren, aber noch immer gut zu Fuß und hellwach im Kopf. Er hat uns also auch genetisch Gutes mitgegeben. Unsere Entscheidung, was wir draus machen. Ich bin jedenfalls bockelstolz auf meinen Papa. Herzlichen Glückwunsch!