Kühlkette

Wir sind es gewohnt, dass wir für Lebensmittel in den Laden gehen und sie einfach kaufen. Eine Störung dieses Vorgangs überfordert so manchen Zeitgenossen.

Es wird gern vergessen. Es handelt sich um puren Luxus. Wir haben Lust auf Jogurt? Na dann kaufen wir halt einen im Supermarkt. Dass es davon gleich mehrere gibt, ich also sogar eine Wahl habe, bei wem ich meinen Jogurt kaufe, ist die Kirsche auf der Torte. Für einen großen Teil der Menschen wäre es bereits der Himmel auf Erden, wenn sie zumindest einen Laden hätten, der verlässlich wenigstens die Grundnahrungsmittel anbietet. Jogurt fällt da schon raus.

Vorübergehend geschlossen zum Schutz der Kühlkette. Doch bei uns ist das derart selbstverständlich, dass es manche Zeitgenossen völlig überfordert, wenn dieses „ich kauf worauf ich Lust habe“ durch äußere Einwirkungen gestört wird. So geschehen in einem Discounter meines Vertrauens. Ich war dort, weil mich der Donnerstags-Sale hingelockt hat. Daher waren die Rollos vor der Kühltruhen-Front anfangs ohne Relevanz für mich. Erst der Gedanke „nimm' doch gleich noch Milch mit“ rückten sie in meinen Fokus.

Es erklärte mir schlagartig die unschlüssig in den Fluren herum mäandernden, immer wieder ratlos vor den verschlossenen Truhen stehenden Kunden. Weil um mich herum reichlich Personal am wuseln war, lag der Gedanke nah, dass heute morgen etwas gründlich schief ging. Eine freundliche Frage wurde ebenso freundlich erwidert. Sie hätten selbst keine Idee, warum die Rollos noch unten seien. Die Techniker seien schon dran. Zwar sei der Liefer-LKW zum Glück verspätet gekommen. Dennoch sei die Unterbringung der angelieferten Waren wegen der herabgelassenen Rollos gerade etwas schwierig.

Ich wand ein, sie könnten doch die Rollos mit ein bisschen Klebeband fixieren, dann würde wenigstens der Verkauf und das Wegräumen reibungslos funktionieren, sowie ihnen die ständigen Erklärungen sparen. Was meine Ahnungslosigkeit offenbarte. Denn die Rollos fahren gleichfalls herunter, wenn das Kühlsystem eine Fehlfunktion erkennt, damit die Waren in den Schränken bestmöglich gekühlt bleiben. Unter­brech­ungs­freie Kühl­kette ist der Fachbegriff dafür. Das eigentliche Problem waren weniger die heruntergelassenen Rollos, vielmehr die Unsicherheit warum.

Nunja. Dann muss ich mit meiner Milch ein bisschen haushalten. Andere Mitmenschen hatten da erkennbar größere Schwierigkeiten. Da sei man jetzt extra hergekommen um den (Donnerstags-Sale-) Wild­schwein­braten einzukaufen, das sei ja wohl das Allerletzte. Man wolle sofort mit der Geschäftsleitung sprechen. Das in für meinem Geschmack definitiv unangemessenem Ton, gegenüber einer Mitarbeiterin, die erkennbar an der Lösung des Problems arbeitete. Auf meinen Einwand an den sehr unwirschen Herrn, dass weder die Mitarbeiterin noch die Geschäftsleitung an einem offensichtlichen technischen Problem etwas ändern könne, erwiderte er ungehalten, was mich das anginge, mit mir spräche er doch gar nicht.

Die junge Frau, die diese Aggressivität erkennbar überforderte, weckte meinen Beschützer­instinkt. Daher antwortete ich ihm, dass er das jetzt wohl müsse, denn ich sähe mich genötigt, die Dame vor ihm zu schützen. Das hatte Mann-Stopp-Wirkung. Der Herr trollte sich und ich wurde mit einem strahlenden Lächeln und einem leisen „vielen Dank!“ belohnt.

Unversehens wurde ich selbst Bestandteil der Kühlkette, indem ich half, die Gemüter ein wenig herunterzukühlen. Das sollten so manche Zeitgenossen ebenfalls ins Auge fassen. Herumpöbeln, Gaffen und Behindern verzögert die Lösung zusätzlich. Wer trotzdem wie Rumpelstilzchen herumspringen mag, kann sich ersatzweise einen großen Stein auf den Fuß fallen lassen. Ist genauso sinnlos, nervt allerdings die Umwelt weniger. Es wird für alle einfacher und geht schneller, wenn alle gemeinsam an der unterbrechungsfreien Kühlkette arbeiten.