Hoffnung, Wunsch und Wirklichkeit

Vor über einem Jahr habe ich mir „KIX 18 alpha“ genauer angesehen. Ein Artikel in der „eGovernment COMPUTING“ hat mich neugierig gemacht, was daraus geworden ist.

In meinem Artikel über den „visionären OTRS-Killer“ KIX 18 hatte ich mich für die vom Herausgeber propagierten Ambitionen interessiert, ob die markige Ankündigung „Visionen werden Wirklichkeit“ substantiell war. Mein damaliges, zusammengefasste Fazit lautete: Nein.

Ziemlich genau ein Jahr nach meinem Test lobpreist die Universität Bayreuth mit dem Artikel »KIX für eine Uni-Verwaltung« den daraus hervorgehenden Einsatz des Vorgängers, KIX 17. Was mich in mehrfacher Hinsicht neugierig machte, weshalb auf das visionäre Produkt verzichtet wurde. Ein Beitrag im KIX-Forum gab die Antwort: Weil's halt noch eine Vision ist.

Der zwei Tage vor dem in der eGovernment erschienen Artikel gepostete Forum-Beitrag enthält eine „Roadmap“ mit der Aussage „jetzt erhältlich“; zumindest fällt der 08.11.2019 zweifelsfrei in das »Q4/2019«, in dem ein »produktiv verwendbares Cloud-Angebot« des visionären KIX 18 verfügbar sei. Heute, am 10.12.2019, findet sich dafür jedoch weiterhin nirgends ein offizielles Angebot.

Die angekündigten Visionen sind offenbar alle auf der Strecke geblieben, denn »Leider werden nicht alle der in KIX v17 abbildbaren Anwendungsfälle direkt in v18 wieder zu finden sein«. Was – vereinfacht ausgedrückt – soviel heißt wie „der Nachfolger kann weniger als sein Vorgänger“. Was mit Blick auf die meine Zeilen auslösende „success story“ ausgesprochen brisant ist. Denn in der „Roadmap“ fehlt jeglicher Hinweis auf ein KIX 18, mit dem ein dort beschriebener Datenexport in ein Dokumenten-Management-System möglich wäre. Das avisierte Cloud-System ist „one for all“ – Individualität bleibt in diesem Konzept für unbestimmte Zeit auf der Strecke.

Ob sie überhaupt wieder eingeplant ist, bleibt im Dunkeln. Was bedauerlich ist, denn genau das war bisher das wesentliche Alleinstellungsmerkmal gegenüber dem großen Bruder OTRS, der – vermeintlich – an der Uni Bayreuth mit KIX ausgestochen wurde, weil er schon länger nur noch als Cloud-Lösung beworben wird.

Dem aufmerksamen und leidlich informierten Leser werden die im Artikel offerierten Widersprüche sicherlich auffallen. Wer von OTRS v4 zu KIX wechselt, weil das Upgrade auf v5 scheitert, was für den Umstieg auf KIX allerdings notwendig ist und dafür entgegen aller vorangegangenen Versuche offenbar geklappt hat, hätte vielleicht vorher Leute fragen sollen, die sich damit auskennen.

Die Universität rühmt sich nun eines veralteten Systems; das beschriebene KIX ist letztendlich nur eine übergestülpte Funktionserweiterung für OTRS v5, eventuell auch v6, während das originäre OTRS aktuell mit v7 bei verantwortungsbewussten Nutzern verwendet wird. Dazwischen liegen mindestens zwei, wahrscheinlich jedoch vier Jahre Weiterentwicklung – die im verwendeten KIX/OTRS-Gespann fehlen.

Wobei natürlich einzuräumen ist, dass diese aktuelle Version für KIX unerreichbar ist. Denn die OTRS AG macht – wie viele andere ernstzunehmende Open Source Hersteller – lediglich den Vorgänger der aktuellen Version frei zugänglich, damit Kunden mit Wartungsverträgen einen konkreten Mehrwert haben. Genau diesen Mehrwert wollte sich die Universität offenbar sparen. Ebenso wie die Qualifizierung der Nutzenden des Werkzeugs.

Die Hoffnung, dass mit dem Wechsel auf KIX der Wunsch nach mehr Leistung für – vermutlich letztendlich – marginal weniger Geld erfüllt würde, könnte sich in der Wirklichkeit als Einbahnstraße herausstellen. Dann nämlich, wenn ein – in unbestimmter Zukunft liegender – Umstieg auf das sagenumwobene, doch dann ebenfalls wahrscheinlich hoffnungslos veraltete KIX 18 ein Preisschild bekommt. Was die „günstigere“ Variante wäre. Nach aktueller Herstelleraussage steht in den Sternen, ob es diese Möglichkeit überhaupt jemals geben wird. Dann wurde ein totes Pferd gesattelt…

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