Haben wir Platz?

Gerade boomt der Hashtag #wirhabenplatz bei Twitter. Als ob es nur um „Platz und Kohle“ ginge.

Natürlich haben wir Platz. Beispielsweise in Brandenburg, da ziehen die Ureinwohner alle weg und hinterlassen Leerstand. Aber keine Arbeit, keine Ausbildungsplätze, keine Deutschlehrer, … – Ödnis. Absolut ungeeignet für Integration. Dort, wo Flüchtlinge logistisch und menschlich angemessen versorgt werden könn(t)en, gehen die Mieten durch die Decke, selbst „gut situierte“ Familien mit Kindern werden aus den Innenstädten verdrängt, „Harzer“ sind gettoisiert.

Natürlich geht es uns – im Vergleich zu anderen – brutal gut. Selbst ein „Harzer“ ist jedem Flüchtling haushoch überlegen. Aus seiner Sicht nimmt er das allerdings etwas anders war. Da drängt sich ihm die Frage auf, weshalb der Staat für einen Flüchtling jahrelang mehrere Tausend EUR monatlich aufwendet, während er für einen kaputt gegangenen Kühlschrank einen Antrag stellen muss, der womöglich erst einmal abgelehnt wird.

Auch Menschen in soliden, ungefährdeten Lebensverhältnissen fragen sich, weshalb Flüchtlinge für exorbitante Summen in Sprachlehrgänge gesteckt werden, an der Grund-, Mittel- und Oberstufe der Kinder aber jede Woche ungezählte Stunden ausfallen.

Unstreitig stecken die Flüchtlinge in unermesslichem Elend, das wir keinesfalls ignorieren dürfen. Allerdings sind außer Provisorien und „wir müssen“-Statements keine konkreten Lösungen realisiert. Stattdessen hausen immer noch ungezählte Flüchtlinge aus den Jahren 2015/16 in „Auffanglagern“, weil das mit der Anerkennung und dem Bleiberecht augenscheinlich wahnsinnig kompliziert ist und dafür das Geld und Personal fehlt.

­#Wirhabenplatz ignoriert die darin ruhenden Probleme kurzerhand weg, indem lediglich ein ganz schmaler Aspekt der Gesamtaufgabe herausgepickt wird. Leute von der Grenze herschaffen, ist dabei die allerkleinste, unbedeutendste Herausforderung:

  • Welche Chancen haben diese Menschen hier, wenn wir sie nur abladen, stapeln und versorgen?
  • Welche Folgen hat das auf unsere Sozialgesellschaft? Dass es erhebliche gibt, offenbaren bedenkliche Wahlergebnisse.

Derart punktuelles Handeln und das fehlende Konzept für „Was dann?“ scheint bei #wirhabenplatz niemanden ernsthaft zu interessieren. Es ist jedenfalls bestürzend naiv anzunehmen, dass es Gefohenen allein dadurch besser ginge, wenn sie nur erst einmal hier wären.

Natürlich müssen wir den Menschen helfen. Doch jeder der etwas tun will, sollte sich selbst die Frage stellen, wie er es fände, wenn er in einem unbekannten Land mit fremder Kultur und Sprache kaserniert und auf Jahre in Ungewissheit über seine Zukunft leben müsste. Angefeindet von Menschen, die in unserem Sozialsystem gerade noch so unten im Netz hängen oder von braunen Idioten, die ihre bizarren Ängste auf alle projizieren, die „halt anders als wir“ sind. Dazu noch die permanente Unsicherheit, dass der „Abreisebus“ morgens vor der Tür stehen könnte.

Deutschland mag aus wirtschaftlicher Sicht als Schlaraffenland für diese Menschen gelten. Aus menschlicher Sicht würde ich das keinesfalls unterschreiben. Wenn wir weiter so punktuell handeln, ist neues Elend für die Flüchtlinge vorprogrammiert. Das sind menschenunwürdige Aussichten, für die zuerst Abhilfe geschaffen werden muss.

Dazu gehört allem voran ein sauberes Einbürgerungsgesetz, das für beide Seiten klare Regeln schafft. Dazu Infrastrukturen, die jeder Form von Gettoisierung entgegen wirken – das könnte gleichzeitig unseren Sozialsystemen zugute kommen und allen mit begrenzten Möglichkeiten die gleichen Chancen verschaffen – was den sozialen Frieden sichert, Integration fördert und dem braunen Sumpf das Wahlvieh entzöge.

Mir fehlen konstruktive, realistische und zeitnah umsetzbare Vorschläge von #wirhabenplatz-Propagandisten. Die mir bisher begegneten Lösungsvorschläge von dort haben lediglich eine gemeinsamen Nenner: Sie betreffen in ihrer Auswirkung immer andere, als die, die es fordern.

Was ich besonders bedenklich finde: Trotz des dem ganzen innewohnenden Humanismus wird mit einer Aggressivität gegen alle in übeltster Form geätzt, die allein die Frage nach dem „…und dann?“ stellen. Sich über mangelndes Verständnis beschweren aber selbst keins haben, geht für meinen Geschmack sehr schlecht zusammen.

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