Das fängt ja gut an!

Das Jahrzehnt startet mit zwei Erkenntnissen:
Gut geplant ist halb gemacht — oder es kommt ganz anders als gedacht.
Schwarmintelligenz ist relativ – der Schwarm hat einen niedrigen IQ.

Meine Jura Impressa Z5 ist eine geschätzte Weggefährtin, die mich über viele, viele Jahre treu begleitet hat und mir fast 17.000 außerordentlich wohlschmeckende Heißgetränke bereitete. Doch in den letzten Wochen und Monaten konnte sie ihr Alter nur noch mühsam verbergen. Das Pressen des heißen Wassers durch das Kaffeepulver bereitete ihr sichtbar Schwierigkeiten. Sie kämpfte sich tapfer voran, doch die Zubereitung eines der von ihr so meisterlich beherrschten Kaffeespezialitäten (geiler Kaffee halt), kostete erkennbar Kraft — auch für darauf Wartende.

Nachdem sie bereits vor rund zwei Jahren einen ausgedehnten Wellnessurlaub in ihrer Heimat erhalten hatte, drängte sich der Gedanke auf, dass es womöglich doch langsam an der Zeit sei und sie einer jüngeren ihren Platz überlassen sollte. Als sei es abgesprochen gewesen veröffentlichte Stiftung Warentest einen Schönheitswettbewerb jugendlicher Konkurrentinnen. Die strahlende Siegerin hieß „Philips EP2220/10“. Sie bot sich zu allem Überfluss zum Dumpingpreis an, mit rund 330 € lag sie weit unter dem, was die Impressa mir für ihren Einzug abverlangt hatte. Eine kurze Recherche offenbarte darüber hinaus, dass in Amazonien schiere Verzückung über ihre Fähigkeiten und Qualitäten herrschte. Also bot ich ihr ein neues Zuhause an.

Die Anreise gestaltete sich zügig und unkompliziert. doch bereits bei der Befreiung aus dem Reisekostüm beschlich mich bei dessen Anblick das Gefühl, ein „unboxing video“ könnte nützlich sein, wenn dieser Prozess womöglich umgekehrt werden müsste. Weil mir die Impressa über die Schulter sah, wischte ich diesen Gedanken weg — lass dir kein schlechtes Gewissen einreden. „Philipa“ stand schnell einsatzbereit auf dem Küchenboard. Ihr fehlt zweifellos der Glanz der Impressa, doch für mich zählen die inneren Werte.

Ihr leicht infernalischer Gesang bei der Kaffeebohnenzerkleinerung, sowie die recht hektische Geschäftigkeit bei der Getränkebereitung machte mich skeptisch. Denn mit „lecker Kaffee“ ist es wie mit „lecker Pils“: Timing ist alles. Die Leistung „Philipas“ lässt sich kompakt zusammenfassen: Ihre Getränke sind bemerkenswert heiß. Das ist jedoch schon alles an Gutem, was ich darüber sagen kann.

Nach dreitägigem, intensivem Zwiegespräch war klar: Für uns wird es keine gemeinsame Zukunft geben. Interessanterweise waren alle „Philipa nackig machen“-Videos derart geschnitten, dass die Handhabung des riesigen Teils fehlt, das in alle Richtungen zu groß für den Karton ist … — aber das ist eine andere Geschichte. Ich bin dennoch zuversichtlich, dass sie ihre Heimreise sicher und wohlbehalten übersteht. Selbst wenn ich sie dafür anders eingekleidet haben sollte, als es bei der Anreise der Fall war. Was für die Vielseitigkeit der Verpackung spricht.

Jetzt waren wir wieder allein, meine schwer atmende Impressa und ich. Dass ein „Qualitätsurteil“ zwar stimmen, jedoch ebenso wie der Jubel einer Menschenmenge völlig andere Ziele adressieren kann als ich, war die mir zwar bekannte, damit jedoch einmal mehr, nachhaltig bestätigte Schlüsselerkenntnis. Dass ich allerdings „so anders“ sein soll, hat mich dann doch überrascht. Glücklicherweise teilt meine Herzallerliebste meine Eindrücke uneingeschränkt – wir sind also mindestens zwei.

Wir entschieden uns, der Impressa einen weiteren Urlaub zu gönnen. Zu unserer großen Freude haben wir ein renommiertes Wellness-Hotel „fast um die Ecke“ entdeckt. Das Allerbeste: In einer eintägigen Kur für 200 € werden Impressas Atemwege befreit, gegebenenfalls Implantate gesetzt. Darüber hinaus ist es nachhaltiger, denn ob „Philipa“ uns annähernd so ausdauernd begleiten könnte wie Impressa, bezweifle ich sehr, sehr stark. Was die These stützt, dass Qualität eben doch ihren Preis hat, der sich jedoch über die Zeit relativiert und er dann sogar deutlich günstiger sein kann.

Impressa wird nach ihre Rückkehr den Beweis antreten, dass altes Eisen junges Blech um Längen schlägt. Was mich in vielerlei Hinsicht zuversichtlich macht. In diesem Sinne: Ein gutes, neues Jahr(zehnt)!

Das Bild stammt von Pixabay.