Grünpolulismus vs. Rezo

Das Rezo-Video wird neben der Politik auch bei anderen Influenzern zum Thema. Find ich erstmal gut. Wobei die Wahrheit – wie sooft – irgendwo dazwischen liegt. Wessen Motivationen da bedient werden, bleibt jedoch meistens im Dunkeln.

Gut gerüstet in die Klima-Debatte.Ich muss gestehen, dass ich mich vom „Rezo-Video“ ansprechen lies. Die ein oder andere „Kante“ seiner Argumentation wurde von der erfrischenden Gesamtpräsentation abgeschliffen. Die lange Liste seiner Quellen zeigte darüber hinaus zwei Dinge: der Junge hat reichlich was zusammenrecherchiert und das alles ablaufen würde mich ebenso reichlich Zeit kosten. Deshalb haben wohl erst mal die Meisten der vielen Millionen Anklicker das gleiche gemacht wie ich: interessiert zugehört, genickt, Spaß gehabt, vielleicht bei der Wahl die Position des Kreuzchens überdacht. Ansonsten: nix weiter.

„JasonHD“ hat sich die Zeit genommen und mit dem Video „Grünpopulismus mit Rezo“ seine Antwort darauf ins Netz gestellt. Im Vergleich erinnert es mit ruhiger Sprache und langen, statischen Szenen ein bisschen an das Bildungs- und Schulfernsehen aus dem vergangenen Jahrtausend.

Von der Herangehensweise ist das natürlich genau das Gleiche, das JasonHD Rezo vorwirft. Denn hier werden unterschwellig Klischees bedient. Ein eher spießiger Hintergrund, Gummi-Baum, blaue Wand und Streifenpulli, kein „Rumhampeln“ vor der Kamera, nur gelegentlich eher verhaltene Emotion im Vortrag – das ist ein klarer Gegenentwurf zum Video von Rezo. Es vermittelt Sachlichkeit, Fokussiertheit, Klarheit, Ordnung. Dazu die clevere Ansprache von Rezo, die damit jedoch gleichermaßen an den Zuschauer gerichtet ist.

Was die Intention der Videos betrifft, stehen die „Kombattanten“ auf Augenhöhe. Mit den gut gesetzten Angriffen auf einige Quellen von Rezo, fein platzierter Rhetorik und Ironie wird dem Zuschauer unterschwellig das Gefühl vermittelt, dass Rezo nur Blödsinn erzählt, weil seine Argumentation löchrig wie ein Schweitzer Käse sei. Damit niemand die AfD-Karte ziehen kann ist natürlich perfekt, dass es sich offenkundig um einen Menschen mit afroamerikanischem Hintergrund handelt. Deshalb einfach unmöglich.

Welche politische Position JasonHD hat, lässt er – im Gegensatz zu Rezo – im Dunkeln, wobei er natürlich Annahmen bedient, wenn er einen AfD-Beitrag (ab 21:26 im Video) zitiert, mit dem er Rezo widerspricht und anschließend vergleichsweise emotional angreift, indem er ebenfalls mit Schnitten, zunehmender Gestik und Intonation, die gleiche Präsentationstechnik wie Rezo anwendet.

Womit JasonHD zweifellos richtig liegt ist die Tatsache, dass alles auf unserer Erde weit weniger schlicht funktioniert, wie es uns gern präsentiert wird. Allerdings hinken seine vermeintlichen Gegenbeweise gleichermaßen. Egal welche Studie zitiert wird: natürlich trägt die Sonne zu unserem Klima bei (ab 22:59), denn ohne sie wäre es hier arschkalt, die Erde ein maximal lebensfeindlicher Planet – zumindest für die uns bekannten Lebensformen, uns eingeschlossen.

Wer meint, dass bestimmte Einschätzungen doch „viel mehr“ wären, als einige wenige, also allein dem Schwarmprinzip folgt – „die Mehrheit hat Recht“, empfehle ich Quiz-Sendungen, in denen Kandidaten die Mehrheit befragen können. Die greift regelmäßig gepflegt daneben. Daher darf durchaus unterstellt werden: wissenschaftliche Mehrheit ≠ automatisch richtig. Die Geschichte liefert dazu reichlich Belege.

JasonHD nutzt die gleiche Strategie wie Rezo, wenn er schlicht unterschlägt, wie sich das im Zusammenspiel mit allen weiteren Komponenten auswirkt, beziehungsweise auswirken kann. Ein Problem aller Studien ist nämlich, dass sie notgedrungen einige Aspekte herausgreifen und betrachten müssen, denn die Einbeziehung alle Parameter würde in jedem Fall den Rahmen sprengen. Daher müsste bei jedem Zitat daraus groß drüber stehen: „Teilbetrachtung“. Doch Studien werden – egal von welcher Seite – bei Diskussionen immer mit „Absolutheitsanspruch“ zitiert.

In diese Falle läuft auch JasonHD mit seinem Resümee (ab 24:10). Denn „alles falsch, Rezo“ ist kaum haltbar. Ob Rezo der Richtige ist, den „man dazu fragen sollte“, darf sicherlich gefragt werden. Doch was qualifiziert JasonHD für sein Urteil? Die zweifellos tendenziöses Darstellung und „Panikmache“ darf durchaus angemahnt werden. Ebenso wie eine Versachlichung der Diskussion. Wobei „Grünpopulismus“ als Schlagwort dazu kaum beiträgt.

Ziemlich fatal finde ich JasonHDs „es macht keinen Unterschied“ (ca. 14:54), wenn es Leute gibt, die etwas ändern wollen. Mag sein, dass die „Grünpopulisten“ die Möglichkeiten überschätzen, E-Autos womöglich der falsche Weg sind („Wirklich ein Technik-Mythos?“, „Elektromobilität durchgerechnet“, „Brennstoffzelle im Auto ). Doch ist „einfach weitermachen“, weil ich keine Lust auf Einschränkungen habe, eine sinnvolle Lösung?

Es offenbart sich das Dilemma der Diskussion:

  • Natürlich verfolgen beide Seiten wirtschaftliche Interessen.
  • Natürlich versauen Klima-Aktivisten ebenfalls das Klima.
  • Natürlich ist Ignoranz oder Leugnen von feststellbaren Veränderungen wenig hilfreich.
  • Natürlich ist eigenes Handeln betrachtet auf das Ganze weniger als der sprichwörtliche Tropfen auf den heißen Stein.

Allerdings werden aus vielen Tropfen Rinnsale, aus Rinnsalen werden Flüsse, die Ozeane speisen. Ökologisches Handeln wird von Gegnern gern mit „Verzicht“ oder „Rückschritt“ gleich gesetzt. Was keinesfalls so sein muss. Es wäre halt möglicherweise Einiges anders.

So wie heute keiner mehr warnend vor einem Auto herlaufen muss, weil es ohne Pferde fährt, sollten sowohl „Grünpolulisten“ als auch „Schwarzpopulisten“ in Erwägung ziehen, dass aufeinander Zugehen ein WIN-WIN ergeben könnte.

Aufeinander einschlagen erzeugt lediglich blutige Nasen und Schlimmeres. Konstruktives Diskutieren und Zulassen anderer Standpunkte ist zielführender. Der Anfang von JasonHDs Video sah ein bisschen danach aus, am Ende hat er's leider versaut.

Das Bild stammt von Pixabay.