Gratis probieren

Egal von wem, egal für was: grundsätzlich liegen „Gutscheine“ in Paketen drin. Sie sind genau das: lediglich ein „guter Schein“.

Selbst gemischt am Besten „»Gratis* probieren« heißt – Vorsicht, Sternchen! – in Wahrheit „… wenn du eine Bestellung von mindestens x € bei uns einwirfst“. So auch auf einem „Gutschein“ für »dein individuelles BIO-LIEBLINGSMÜSLI«. Als motivationssteigernde Ergänzung steht „solange Vorrat reicht“ dran. Bei Unternehmen, die eine Probe von dem anbieten, was ihr primärer Geschäftsinhalt ist, ließe sich das auch mit „… bis wir insolvent sind“ übersetzen.

Betriebswirte werden anmerken, dass lediglich von einem Werbebudget die Rede ist. Da werden x-Tausend Packungen von z.B. „meinem Müsli“ in Extraklein angefertigt, die als „kostenlose“ Probe im Sechserpack verschickt werden können. Die sollten idealerweise zügig von Müsli-Fans angefordert werden, denn irgendwann starten auch Vakuum-verpackte Lebensmittel ihren Zersetzungsprozess. Besonders „Bio“, dem keine Chemie zu einer verlängerten Ausdauer verhelfen darf.

Angeblich hat das „Geschenk“ einen relevanten Wert. Der auffällig nah am Mindestbestellwert liegt, was einen groben Rückschluss auf Warenwert und Verpackungskosten zulässt. Wobei die das „Geschenk“ in Szene setzenden Bilder homöopatische Mengen erahnen lassen, die mit viel Umverpackung „gratis“ sind. Diese Präsentation erinnert mich spontan an weißen Kaviar. Ein Gefühl, das mit einer lediglich knapp halb gefüllten Schale gefördert wird, weil es den Aspekt „wenig für viel Geld“ nochmals sublim unterstreicht.

Im ersten Moment wird das „Gratis-Angebot“ damit natürlich noch wertiger. Wer weiter wie von der Tapete bis zur Wand denkt, wird sich jedoch die Frage stellen, wie lecker ein tägliches Frühstücksmüsli zum Preis von knapp der Hälfte des Harz-IV-Tagessatzes für Essen schmecken muss, damit es in die eigene Budget-Planung einfließt beziehungsweise ob es dort überhaupt hinein passt. Oder was die Fülle der bestellbaren Möglichkeiten wert ist, wenn ich davon bestenfalls zwei oder drei nutzen würde. Eben weil „mein Müsli“ einen gewissen Standard hat, den ich verlässlich morgens in meinem Schälchen haben will.

Richtig Ausgefuchste werden sich womöglich sogar die Frage stellen, wie viel Müsli-Zutaten sich für den Mindestbestellwert auf dem Bio-Markt kaufen und mittels überschaubarem Aufwand gemischt zum Wunschmüsli eintuppern lassen. Dieser Vorrat dürfte vermutlich statt für wenige Tage für mehrere Wochen reichen. Dass dabei weniger CO2 und Müll durch Einsparung von Verpackung, Versand, Entsorgung, etc. entsteht, ist dabei sekundär. Es ist dann vor allem ohne wenn und aber tatsächlich „mein Müsli“. Selbst ausgewählte und gekaufte Zutaten, selbst gemischt, statt aus imaginären »566 Billiarden Variationsmöglichkeiten« zusammen geklickt. Wie bescheuert dieses Argument ist, dämmert spätestens dann, wenn jede Möglichkeit nur eine Tausendstelsekunde erwogen würde. Die Auswahl dauert selbst dann noch 17.935 Jahre. Allerdings dürften die Möglichkeiten sehr schnell ins sehr überschaubare schrumpfen, wenn die Kombination schmecken soll …

Womit wir wieder beim „guten Schein“ sind. Diese Angebote sind regelmäßig „mehr Schein als sein“, ein Vorteil wird lediglich „zum Schein“ angeboten, damit der Anbieter an „meinen Schein“ kommt, der mir aus der Tasche gezogen werden soll.

Epilog

Aufwändig verpackt (=reichlich Müll) werden vom werbenden Unternehmen Becher mit »genug Platz für Milch, Joghurt oder frische Früchte« (= bestenfalls halb voll, das „richtig Leckere“ fehlt?) ab rund 20 €/kg Müsli – natürlich zuzüglich Versand und Verpackungskosten – angeboten. Wobei für ein verzehrfertiges Müsli noch „Milch, Jogurt oder frische Früchte“ hinzugerechnet werden müssen. Der „weiße Kaviar unter den Müslis“ sozusagen. So einen Verpackungswahnsinn mit „Bio“ bewerben, halte ich persönlich für mehr als grenzwertig.

Das Bild stammt von Pixabay.