Europaqual?

Überall wird uns erzählt, wie wichtig die Europawahl ist, wir sollen unbedingt hingehen. Bis dahin bin ich einverstanden. Was mir jedoch echte Fragezeichen auf die Stirn malt: Warum haben die Parteien im Europawahlkampf — von wenigen Exoten abgesehen — mehr oder minder die gleichen Plakate aufgehängt, wie bei den Landtags- und Bundestagswahlen? Die öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten schaffen es immerhin ein einziges Mal bei Phönix — wer damit nichts anfangen kann: das ist ein Nischensender des ZDF — alle fünf Präsidentschaftsanwärter bei einer Podiumsdiskussion vorzustellen. Ich habe diese eine Sendung eine verpasst, angeblich gab es insgesamt fünf Termine, wobei halt vier erst gar nicht in Deutschland angeboten wurden.

Immerhin hat man uns Herrn Schulz (SPD, Deutscher) und Herrn Junker (Konservatives Lager, Belgier mit guten Deutschkenntnissen und unterhaltsamen Pointen) bei ARD und ZDF vorgestellt. Aber eben nur die. Von Guy Verhofstadt, Ska Keller und Alexis Tsipras erfahre ich da — abgesehen vom bereits genannten Phönix-Termin — nichts und musste mir ehrlichweise die Mitbewerber erst mal ergooglen, denn sonst hätte ich sie gar nicht gekannt. Während es auf Phönix um die Zukunft Europas ging, zeigten die beitragsfinanzierten Hauptsender für die unabhängige und objektive Berichterstattung in Deutschland einen Spielfilm und die Bundesliga-Relegation. Man muss Prioritäten setzen.

Zugegeben. Mit hinramputierten Politik-Talks werden wir bei ARD und ZDF schon hinreichend zugesch… - äh, …worfen. Die Mädels und Jungs arbeiten sich da an Sachen ab, die tagesaktuell hipp sind, letztendlich keine Verbindlichkeit fordern und morgen schon der Schnee von vorgestern sind. Es sind auch immer die selben Nasen, die teilweise von den Normalbürgern durch Nichtwählen als irrelevant markiert wurden, aber bei den Sendern offenbar einen Stuhl mit Sitz- und Laberrecht bezahlt haben. Die stilisierte Irrelevanz in Reinform. Das hat etwas von systematischer Politik-Ermüdung des Volkes. Da kann Europa nur verlieren. Ist ja so weit weg.

Fatalerweise sitzen wir mitten drin und tun aber so, als ginge uns das alles nichts an. Irgendwie mischt unsere Angela zwar fleißig mit, aber was sie da so verabredet, zusichert und mauschelt, können wir eh nicht wirklich beeinflussen. Einerseits werden wir sowieso nicht gefragt und andererseits ist grundsätzlich alles, an dem sich der Normalbürger reibt, alternativlos. Deutlicher kann man dem Bürger nicht signalisieren, dass man in Ruhe gelassen werden will. Wir Wähler sollen nur schön unser Kreuz machen, damit die Parteikasse mit den Kostenerstattungen gefüllt wird. In einem schon etwas älteren Beitrag im Manager-Magazin online wird schörkellos klar gemacht, worum es in Wahrheit geht. Mutmaßlich gibt es mittlerweile schon mehr als die dort genannten 85 Cent pro Wähler, Wahl und Jahr. Die Suche danach habe ich mir gespart, der Hals ist schon dick genug angeschwollen.

So etwas könnte man natürlich als Auslöser nehmen und sagen: Meine zwei Euro was auch eins pro Jahr bekommt niemand. Allerdings wird es dann halt nicht wirklich besser. Vielmehr bekommen dann die Splittergruppen mehr Gewicht, die im Europawahlkampf als Hauptthema beispielsweise Überfremdung haben und harscharf unter Deutschland den Deutschen! entlang schlittern. Passt super zur Vison eines geeinten Europa. Vorzugsweise sprechen dann dort natürlich alle Deutsch, die anderen schicken wir nach Hause. Wo immer das dann ist. Wenn diese Spots in Belgien, Holland, Frankreich, etc. ebenfalls laufen, ist das eine spitzenmäßige Werbung für das offene und tolerante Deutschland, das eigentlich dringend Zuwanderung braucht, weil die Propagandisten dieser Filme leider an Kompetenzmangel leiden und die zunehmenden Lücken bei Ärzten, Fachkräften, etc. nicht füllen können. Sie sind zwar durchaus vermehrungsfreudiger als die höheren Bildungsschichten, aber da rächt sich unser verkümmertes Bildungssystem. Bei Dummen geboren macht selten schlau, außerdem haben Mandy und Kevin schlechte Karten, was den Zugang zur besseren Bildung betrifft. Ist mindestens seit meiner Einschulung bekannt und das war im letzten Jahrhundert, lange vor dem Fall der Mauer.

Woher ein bedingungsloses Grundgehalt für jeden kommen soll — um mal auf die andere Seite der Skala zu schauen — weiß wahrscheinlich keiner, aber es klingt gut. Vor allem wenn man Leistungsgesellschaft ablehnt und die damit verbundene Unbill (also Arbeiten für Geld) aus nicht näher darlegbaren Gründen nicht in Frage kommt. Gegen Ausländer hat man selbstverständlich nichts, schon erst recht nicht, wenn unter anderem durch deren Wertschöpfung so ein Gehalt abfallen würde. Die finden das total geil, für zwei zu arbeiten und selbst nur die Hälfte zu bekommen.

Also: Intelligent wählen gehen. Nicht unbedingt die Etablierten, aber bitte auch nicht die Idioten. Wobei ich es bewusst jedem überlasse, wen er dazu abstempeln möchte. Wen ich da sehe, dürfte für jeden, der es bis hierhin geschafft hat, deutlich geworden sein.