Etikettenschwindel

Wer gegen die selbst gesteckten Ziele verstößt, hat ein Glaubwürdigkeitsproblem. „buergerkandidaten.de“ hat das womöglich.

Das Konzept klingt in der Kurzdarstellung ziemlich gut:

„Die Bürgerkandidatinnen sind völlig unabhängig von Parteien und richten ihre politischen Entscheidungen alleine an den Interessen der Bürgerinnen und Bürger ihres Wahlkreises aus.“

Nachdem ich dachte, statt immer zu man müsste mal was tun auszusprechen, einfach mal wirklich was tun, habe ich mich – blauäugig ohne tiefergehende Untersuchung – für die Bewerberliste in meinem Wahlkreis angeboten. Es hat ein paar Tage gedauert und ich wurde „angenommen“. Weil die Informationen darüber, was ich denn anstellen muss, damit ich auf die Wahlzettel komme, dünn bis nicht vorhanden waren, habe ich halt nachgefragt. Da war es dann vorbei mit blauäugig da wurde es zum blauen Auge.

Zuerst meldete sich eine Dame, die namentlich nicht im Organisationsteam auftaucht. Da denke ich mir noch nichts weiter. Die Tipps sind sehr allgemein gehalten und – genau genommen – nur bedingt hilfreich. Allerdings soll ich die erforderlichen Formulare nachträglich per Mail erhalten. Den Verweis auf mein Landratsamt registriere ich, die Formulare finde ich mit ein wenig Eigeninitiative beim Wahlleiter des Landes Niedersachsen. Wie zugesichert, erhalte ich kurz darauf die Ausfüll-Hilfe.

Es dauert eine Weile, bis ich stutzig werde. Was ist diese UNABHÄNGIGE für bürgernahe Demokratie, die in den übermittelten Formularen überall auftaucht? Da frag ich doch mal fix Wikipedia und bin überrascht: Das ist eine Partei! Was spätestens der – als letztes Dokument – zugestellte Aufnahmeantrag mit deutlich formulierten Finanzierungsvorstellungen unterstreicht. Die kommunizierende Dame ist auch telefonisch aktiv und fasziniert mich mit den – ich fasse das kurz zusammen – Utopien, die sie mit „buergerkandidaten.de“ realisieren möchte. Als Parteimitglied bei den UNABHÄNGIGE(n) – und Vertretung für den eigentlichen Ansprechpartner, der einen Hörsturz habe. Was nachvollziehbar macht, warum die vermeintlich unabhängige Bewegung das gleiche Bankhaus für Spenden wie diese Partei hat.

Die Dame will mir am Telefon ausreden, dass ich mich getäuscht fühle. Was natürlich Quatsch ist: ein Gefühl lässt sich nicht wegdiskutieren. Sie ist darüber hinaus ziemlich überrascht, dass ich den Inhalt von buergerkandidaten.de augenscheinlich besser kenne als sie. Speziell die im Kasten oben niedergeschriebene Aussage. Ich müsse da ja nicht mitmachen, es sei halt besser. Den Widerspruch will sie nicht erkennen.

Ich kürze das ab und bestehe darauf, dass mein Bewerberprofil umgehend von der Seite entfernt wird. Denn einer Partei wollte ich weder beitreten, noch zuarbeiten. Mir wurde der Eindruck vermittelt, dass dies möglich sei. Allerdings ist das Konzept von einer Partei unterwandert. Der Duden kennt eine überraschende Vielzahl an Alternativen für das Wort „Täuschung“. Ich sehe darin einen „Etikettenschindel“ (s. Titel), denn wenn eine Partei mit einem Konzept der Parteilosigkeit auf Mitgliederfang geht, ist nicht drin, was drauf steht.

Das Rauswerfen bei buergerkandidaten.de ging erfreulich schnell: mein Bewerberprofil wurde innerhalb von 13 Minuten nach der Aufforderung dazu entfernt.

Selbstverständlich kann ich – falls erforderlich – die hier zusammengefasst dargestellte Kommunikation mit der namentlich nicht genannten Dame anhand von E-Mails und Anrufbeantworter-Aufzeichnungen untermauern. Die muss ich – weil sie an meine Geschäftsadresse gingen – 10 Jahre aufbewahren. Von der zitierten Webseite zum Zeitpunkt dieses Beitrags gibt es natürlich ein Backup – falls das nachträglich Aussage-optimierend bearbeitet werden sollte.