Erfindergeist

Nach dem Motto „wir können was, das keiner braucht“ stellt Audi aktuell seinen „e-tron“ in einer mich verstörenden Werbung vor.

Nicht nachmachen? Warum wird es dann gezeigt?Während im Werbespot von Audi ein allradgetriebenes Elektroauto durch den Schlamm pflügt, frage ich mich, warum Leute mit einer Hochglanz-lackierten Edel-Karre Spaß beim durch den Schlamm fahren haben sollten. Damit der Mitarbeiter der Waschstraße länger schrubben muss und alle sehen, was für eine geile Kiste ich fahre?

Da thronen für die Straßen völlig überdimensionierte Elektromotoren mit der entsprechenden Menge Batterien in einem Dickschiff von Auto, das im Video durch Eis, Schnee, Matsch und Wald prescht. Einer kleingeschriebene Einblendung lässt mich herzlich lachen, wird der Werbespot damit doch ziemlich absurd (siehe Screenshot aus dem Video).

Was bleibt, wenn „das“ niemand machen sollte?

Das, was in einem für Automobile hervorragend erschlossenen Land wie dem unseren erheblich interessanter wäre, bleibt in Audis Naturfilm unerwähnt. Für eine Fahrt im e-tron von Berlin nach Frankfurt müssen ausreichend Zeit und geeignete Reisestopps eingeplant werden. Zwischendrin müssen die Akkus geladen werden, wofür es passende Schnellladesäulen braucht. Dem Kraftprotz fehlt es nämlich an Ausdauer, er kann selbst im Idealfall nur knapp über 400km weit laufen. Die Strecke Berlin-Frankfurt führt mitten in der Republik durch schöne naturbelassene Landschaften – etwa so wie im Werbespot. Nachteil: da wachsen keine Ladestationen. Es kann passieren, dass dieses Juwel deutscher Ingenieurskunst zwar emissionsfrei bis zum Wald kommt, dann jedoch hilflos am Straßenrand liegen bleibt.

Die Individual-Lösung „überkandideltes Elektrotöff“ erscheint mir für den starken Auftritt zum Zigarettenholen um die Ecke entwickelt zu sein. Da gibt es eine realistische Chance auf eine zeitnahe Rückkehr. Überlandfahrten durch Wald und Dreck würden wohl eher eben da enden. Es wird niemand einen dicken Ersatzakku zum Strom schlürfen vorbeibringen. Deshalb: nicht nachmachen!

Mit etwas Glück kommt ein Traktor, der die leergesaugte Strombüchse abschleppt und mit gemütlichem Tempo vor die nächste Steckdose zieht. Inklusive ruiniertem Lack. Denn für so eine unförmige Lack-Kiste sind die meisten Waldwege unterdimensioniert. Für echte Schlamm-Pisten könnten auch die gewaltigen, optisch ansprechenden Breitreifen ein Hindernis werden. Die drehen sich zwar alle dank zuschaltbarem Allrad und über 400 PS, doch breite Reifen und unbändige Kraft sind kein Garant für Freiheit und Abenteuer.

Es muss einen Grund geben, weshalb Fahrzeuge für den Anwendungszweck „unbefestigtes Gelände“ selten PS-Monster auf Schnellstraßen-optimierten Breitpneus sind. Ohne Angst vor Einsinken und nie mehr wegkommen von 2,5 Tonnen Leergewicht im Morast lassen geeignete Fahrzeuge entspannt das Zuladen, was der Audi bereits an Batterien mit sich herum schleppt. Trotz der monströsen Leistung beträgt dort die Gesamtzuladung gerade einmal 640kg. Das sind weniger als 2kg transportierbares Gewicht pro PS – ein enttäuschender Wirkungsgrad.

Zum Vergleich: ein Fiat 500 bewegt 5,5kg pro PS über 650km weit.

Kurzer Spaß auf der Straße

Sogar auf der Straße ist die 80.000 €-Edelkarross nur eingeschränkt tauglich. Schon nach 20 Minuten Autobahn-Blasen regeln die Motoren wegen Überhitzungsgefahr ab, die maximale Reichweite gerät bei flotter Fahrweise ebenso flott außer Reichweite. Die von einem Marktbegleiter zum Credo erhobene „Freude am Fahren“ will Audi langfristig mit Ladestationen alle 120 km „an den Hauptstrecken“ gewährleisten. Wald und Land sind außen vor, soll eh niemand (nach)machen, da braucht's dann auch keinen Stromsäulen.

Wenn – laut Audi – mit einer halben Stunde Ladezeit die nächste Station erreicht werden kann (meine Interpretation der Angaben), dauert eine Fahrt nach Frankfurt – ohne Staus – inklusive Ladezeiten ca. 8 Stunden. Da erscheint mir autonomes Fahren mit Strom erheblich interessanter. Das dauert für diese Strecke etwa die Hälfte der Zeit, hat einen Tisch für den Laptop und heißt „Deutsche Bahn“.

Erfindergeist vs. geistlose Erfindungen

Wenn die deutsche Autoindustrie unter Elektromobilität Fahrzeuge für die oberen Zehntausend versteht, dürften einerseits die hehren Klimaziele unerreichbar bleiben, die sich unsere Regierung davon und uns damit verspricht. Andererseits dürfte es mit dem Führungsanspruch bald dahin sein, denn der bisherige Erfolgt basiert im Wesentlichen auf Massentauglichkeit. Die beginnt beim Preis und lebt wesentlich von der Praktikabilität. Während weiterhin unklar ist, wo der ganze Strom her kommen soll und sich deutsche Spitzeningenieure mit teurem Technik-Spielzeug für Neureiche beschäftigen, denken die Marktbegleiter über ebenfalls saubere, jedoch umsetzbarere Lösungen nach, z.B. Wasserstoff-Motoren.

Statt langer Leitungen für wenige Stromnutzer, für die vorher noch endlose Planfeststellungsverfahren, der zu durchquerende Lebensraum des just zugewanderten transsilvanischen Hornknochenkäfers aufwändig geschützt und Klagen von anrainernden Vorgartenbesitzern bewältigt werden müssen, setzen die auf die Wandlung von Strom in transportable Energie.

Die kann in vorhandenen Infrastrukturen wie dem engmaschigen Tankstellennetz schnell, sauber und leicht skalierbar für viele Fahrzeuge bereit gestellt werden. Sogar auf dem Land oder im Wald. Manche nutzten Wasserstoff zum Antreiben eines Generators für Strommotoren, womit in Kombination mit kleinen Puffer-Akkus z.B. Rekuperation möglich wird. Das verstehe ich unter Erfindergeist.

In diesem Sinne: ein geistreiches Jahresende, natürlich ohne Böller, weil die in 30 Minuten soviel Feinstaub wie 2 Monate Autoverkehr erzeugen. Das wäre ein guter Start in ein gesundes 2019.