Eine harte Erkenntnis

Eigentlich wollte ich am vergangenen Wochenende ein paar Dinge erledigen und meinen Papa besuchen. Eigentlich.

Zeichen für „Aufgabe erfüllt, bin gegangen“ An seinem Geburtstag haben wir telefoniert, geplaudert und uns abschließend gegenseitig eine gute Gesundheit gewünscht. Knapp drei Wochen später ist er gestorben, ohne dass wir noch einmal miteinander sprechen konnten.

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Ja. Natürlich. Er war mit 93 Jahren keineswegs mehr der Jüngste. Doch nachdem er sich im Frühjahr bei einem Krankenhaus-Aufenthalt den Oberschenkelhals brach und zwischenzeitlich wieder ohne jegliche Gehhilfe im Garten „herumsprang“, war ich fest davon überzeugt, dass wir sein „Hundertjähriges“ feiern würden.

Er hat die Nazis überlebt, den Krieg, die schwere Verwundung. Die sich im Nachhinein als Glücksfall herausstellen sollte, weil er deshalb mit dem letzten Verletzten-Transport aus einer garantierten Todeszone entkam. Aus der angestammten Heimat vertrieben traf er als Flüchtling „sein Mädchen“, meine Mutter, mit der er über 66 Jahre verheiratet war. Sie zogen erfolgreich sechs Söhne groß, bauten sich ein Heim und eine Zukunft allein mit Ihrer Zuversicht, dass etwas geht, wenn man etwas will und etwas dafür tut.

Schon damals hatten Flüchtlinge keinen guten Ruf. Unabhängig davon, dass sie „Deutsche“ waren. Die „Eingeborenen“ waren misstrauisch. Allen Widerständen und Hindernissen zum Trotz konnte mein Vater seine akademische Laufbahn als Jahrgangsbester starten. Er fand sein Lebenswerk in der „Lebenshilfe“, die er in der neuen Heimat seiner gegründeten Familie, dem Rheingau, Jahrzehnte anführte und der er bis zuletzt eng verbunden war.

Wie vielen er damit das Leben nachhaltig verbessert hat, ist mir ebenso unbekannt wie der Tippgeber für das Bundesverdienstkreuz, dass er dafür verliehen bekam. Sicher hat ihn das gefreut. Doch es war ihm letztendlich egal. Es lag „originalverpackt“ zwischen belanglosen Sachen in einem Schrank. Getrieben von der eigenen Geschichte hat er für andere diese Welt ein bisschen besser gemacht.

Sein Eintreten für Schwache und Benachteiligte hat mich als Kind regelmäßig genervt, weil seine Zeit für mich häufig eher knapp war. Es hat mich jedoch maßgeblich selbst geprägt. Krieg und rechtes Gedankengut waren meinem Vater zutiefst zuwider. Diese Haltung hat er leise aber beharrlich an seine Kinder weiter gegeben. Der vermeintliche Widerspruch zwischen außerordentlichem sozialem Engagement und (wert)konservativen Ansichten war verlässlicher Anlass für eloquente Streitgespräche mit ihm als junger Erwachsener.

Er hielt es mit Winston Churchill, der (sinngemäß) sagte, in der Jugend müsse man links sein, sonst habe man kein Herz, wer es im Alter noch sei, habe allerdings keinen Verstand. Er selbst sagte das nie, doch er ließ uns den Raum, es selbst heraus zu finden. Wie clever das war, kristallisierte sich in den Gesprächen der letzten Jahre heraus. Sie verliefen zunehmend einvernehmlich, bisweilen fast beängstigend harmonisch, was uns beide schmunzeln ließ. Ob das Verstand, Altersweisheit oder schlicht wachsende eigene Erfahrung war, sei dahin gestellt.

Eigentlich wollte ich letztes Wochenende wieder das ein oder andere dieser Gespräche über „Gott und die Welt“ mit ihm führen. Es kam anders. Wie wohl bei vielen anderen in vergleichbarer Situation, blitzen nun unkontrollierbar „hätte…“-Gedanken auf. Was eine emotionale Achterbahnfahrt ist, bei der voraussichtlich noch der ein oder andere Looping kommt.

Ihm war wohl klar, dass er am Ende des Weges ist, denn er gab dem Chirurg vor der Narkose noch klare Anweisungen. Danach gab es keine Gespräche mehr. Nach einigem Zögern haben wir ihn gehen lassen – weil es klare Anweisungen von ihm gab. Bis zuletzt wusste er, wie er uns hilfreiche Hinweise geben kann. Und wie immer hat er uns letztendlich selbst entscheiden lassen.

Den Wert eines Menschen erkennt man immer erst, wenn er nicht mehr da ist. Diese Erkenntnis macht es gerade besonders hart.