DSGVO – schon drüber nachgedacht?

Im Mai tritt die „Daten­schutz­grund­ver­ord­nung“ in Kraft. Aktuell sehe ich da für mich wenig Nutzen, jedoch viel Aufwand.

Grundsätzlich bin ich ein großer Fan von Datenschutz. Deshalb vermeide ich soweit möglich die Nutzung von Cookies oder unterlasse die Installation einer Benutzer­ver­fol­gung1 auf meinen Seiten. Als mir dies­be­züg­lich noch einige Grundlagen fehlten, durfte Google-bei mir werben. Mit erweitertem Horizont wurde das zum „no go“. Denn was ich mir für mich selbst wünsche, muss ich selbst­verständ­lich meinen Besuchern zugestehen.

Was keine grundsätzliche Ablehnung von Werbung darstellt. Mein Problem ist eher, dass Klicks auf Werbung mein „Profil“ definieren, was ich – angeblich – besonders mag. Was die Suche nach etwas jenseits dieses fremdbestimmten Horizonts zunehmend erschwert. Denn auch die Klicks bei Google oder Bing haben Einfluss auf das, wonach ich – vermeintlich – suche.

Mag sein, dass ich da ein Grenz­gänger bin, der unter „positiver Benutzer­erfahr­ungen“ vor allem objektive und unbewertete Information versteht. In Blasen schwimmen war nie meins. Daher findet die Idee des Schutzes vom „Nutzer“ vor den „bösen Firmen“ mein grundsätzliche Zustimmung. Allein die Umsetzung,… .

Denn vor allem entstehen für alle – Nutzer wie Firmen – erhebliche Aufwände, die eine massive Störung des bisher vergleichsweise gut funktionierenden Zusammenlebens darstellt. Wie ein Beitrag zum Thema im ix-Forum korrekt feststellt, ist bei konsequenter Auslegung bereits die Tisch­reser­vie­rung beim Lieblings­italiener für den Betreiber ein potenziell existenz­bedroh­ender Vorgang. Es würde mich wenig überraschen, wenn wir uns zukünftig statt auf unseren Namen einen Tisch mit einem „Tischpass­wort“ reservieren, dass uns mit vorge­haltener Hand per Telefon zuge­raunt wird. Denn Tag, Termin und Passwort vergibt der Pizza­bäcker ohne Bezug auf meinen Namen. Sobald der ins Spiel kommt, muss er mir vorab eine Daten­schutz­belehr­ung erteilen.

Wobei das im praktischen Leben bereits an guter Erziehung scheitert. Denn als höflicher Mensch melde ich mich natürlich mit meinem Namen, sobald die Gegenseite den Anruf entgegen nimmt. Ein konspiratives „Hallo, ich will heute für 20 Uhr einen Tisch reservieren. Haben Sie noch ein Reservierungscode für mich?“ wäre ziemlich befremdlich. Zahlen muss ich natürlich bar, denn bei Kartenzahlung und dem Bestätigungsbeleg für meinen Leibspeisen-Koch muss der mir vor dem Karte durchziehen eine Datenschutzbelehrung servieren. Mal schnell Mittagessen gehen wird da womöglich deutlich schwieriger. Als Nebeneffekt könnte die neue Datenschutzgrundverordnung ein Revival für selbst geschmierte Brote auslösen. Oder „Clubkarten“, deren gut sichtbare Platzierung auf dem Tisch bestätigt, dass man die „Daten­schutz­grund­ver­ordnungs­zere­monie“ bereits hinter sich und abgenickt hat.

Wir werden wohl auch unser Zahlen­gedächtnis wieder trainieren müssen. Andern­falls muss ich meinen Bekannten Daten­schutz­belehrungen zuschicken, bevor ich deren Telefon­nummer in meinem Dienst­telefon speichere. Womöglich ist das ein Grund der EU- und allgemeiner Politik-Überdrüssigkeit vieler Bürger. Wenn die Idee zwar gut, das Ergebnis jedoch „immer deutlich zu viel“ ist, woran dann selbst die Initiatoren scheitern2.

Das größte Problem in der digitalen Realität könnte – bei strikter Auslegung der Datenschutzgrundverordnung – demnächst bereits der Aufruf einer Webseite sein. Denn genau genommen müsste ich vor dem öffnen der Seite den Besucher darüber informieren, dass seine IP-Adresse im technischen Log-File landet und er damit grundsätzlich identifizierbar wird. Allerdings gibt es jetzt ein „Huhn-Ei-Problem“: da ist sie schon ,bevor ich fragen kann. Zumindest für die extrem nervigen Social-Media-Plugins könnte das der Todesstoß sein.

Wenn das Gesetz speziell auf „die Großen“ abgestellt sein sollte, wie immer wieder getitelt wird, hätten die Macher ziemlich schlecht gezielt. Denn Amazon, Facebook, Google, etc. werden den geplanten Schutz der Privatsphäre mit ihren Teilnahmebedingungen aushebeln. Wer „dabei sein will“, muss halt akzeptieren, dass er „im System“ verfolgt wird und seine Bewegungsdaten Handelsware sind. Es ist extrem unwahrscheinlich, dass Mitglieder das zum Anlass für eine Kündigung nehmen und den Genannten scharenweise davon laufen.

Ergo: die „bösen Firmen“ lachen sich eins, den Kleinen – so wie mir – lachen neue, scharfe Messer zum Reinlaufen zu.


  1. Bevor der vorhersehbare Einwand kommt: natürlich erzeuge ich eine Webseitenstatistik, die mir Fehler zeigt oder ein anonyme Auskunft über Besucherzahlen und Interessenschwerpunkte bietet. Eine Auswertung bzgl. des Bewegungsmusters einzelner Besucher wäre damit zwar grundsätzlich möglich. „Weil es geht“ beinhaltet jedoch auch die von mir gewählte Option, es es zu lassen. ↩︎

  2. Da alle anderen Medien auf die Bildzeitung referenzieren, mache ich das ebenfalls. ↩︎