Drei Stunden pro Tag

88 Mal schaut jeder von uns auf sein Mobiltelefon. Sagt eine Statistik. Was sagt das über uns?

Insgesamt sind das drei Stunden pro Tag. Sagt das Moderatorenteam von RadioBerlin. Die Info aus dem Radio ist zwar schon etwas älter, besser geworden ist es zwischenzeitlich sicher nicht. Dazu noch acht Stunden arbeiten, eine bis zwei Stunden Arbeitsweg, Essen muss man auch mal was, Duschen, Schlafen — viel bleibt da für anderes nicht mehr übrig. Andere Hobbies beispielsweise.

Dazu schauen wir noch zwei bis drei Stunden fern. Was den Schluss nahelegt, dass wir zunehmend mehrere Dinge gleichzeitig tun. SMS während der Autofahrt tippen und mit dem Knie lenken, weil die andere Hand zum Schalten an der Ampel gebraucht wird. Oder während einer Sicherheits-Belehrung ständig nervös aufs Handy schauen, weil die Freundin/der Freund doch einen coolen Spruch schicken wollte.

Wenn ich davon ausgehe, dass „Aufmerksamkeit“ eine maximale Größe darstellt, die bei dieser Medien-Nutzung auf mehrere Dinge verteilt werden muss, können wir uns glücklich schätzen, dass wir gefährliche Tiere mittlerweile weitestgehend ausgerottet haben. Denn für das, was womöglich wirklich wichtig ist, haben wir bei dieser Lebensweise objektiv betrachtet gar keine Zeit.

Wir lassen uns von so einem Bonsai-Brikett terrorisieren und verkrüppeln uns bereitwillig dafür. Wer Bahn oder Bus zur Arbeit fährt, wird einräumen, dass er da das Notwendige mit dem Angenehmen verbindet. Was habe ich als Schüler da früher eigentlich gemacht? Wie nannte man das noch,… — … ach ja: persönliche Kommunikation mit Mitfahrer(inne)n. Es gab noch keine Online-Partnerbörsen, da musste man sich noch selbst kümmern. Bus und Bahn war zwar ebenfalls notwendig aber für das Zwischenmenschliche extrem nützlich.

Uns hat keine App erzählt, was wir geil finden oder tun müssen. Das haben wir uns selbst ausgedacht und es gemacht. Und wenn ich mich zum Pfosten gemacht habe, weil eine Aktion gründlich daneben ging, dann hatte die Clique ihren Spass, aber ich glücklicherweise keine x-tausend Klicks auf das peinliche Handy-Video, dass heute Freunde zur Belustigung aller ins Netz stellen.

Wer meint, dass WhatsApp und Co. nichts anderes als ein Gespräch sei, übersieht das Unausgesprochene über Emotionen und Gesten, die aus geschriebenen Worten eine persönliche Kommunikation machen. Emojis als Prothese dafür lassen er- und gelebte Empathie verkümmern.

Ich könnte ohne Handy überleben, aber mein Leben macht es leichter. Das gebe ich gern zu. Insbesondere unterwegs ist es praktisch, wenn der Kontakt zum Kunden per Mail möglich ist, oder sich Dinge noch schnell organisieren lassen. Der Anruf beispielsweise, dass der Stau auf der Autobahn den Zeitplan durcheinander bringt. Ansonsten liegt mein Smartphone überwiegend stromsparend und abgedunkelt auf dem Schreibtisch. Denn WhatsApp hab ich nicht, die Zahl meiner SMS stellt die dafür gebuchte Flatrate monatlich in Frage.

Ich werde nicht panisch, wenn ich es zu Hause vergesse. Was durchaus passieren kann. Eher dann, wenn es womöglich wo anders liegen geblieben ist. Was ebenso gut passieren kann. Weil es keine Macht über mich hat. Ich lege es auch nicht neben mein Bett oder nehme es mit auf´s Klo. Da will ich potentielle Gesprächspartner nicht haben. Weder persönlich, noch am Telefon.

Bloß weil es „pling-plang“ macht, damit jede(r) mitbekommt, dass ich eine Nachricht erhalten habe, werde ich nicht hektisch. Die Meldung läuft mir nicht weg. Wenn´s wirklich brennend wichtig ist, wird mich die- oder derjenige anrufen. Alles andere ist asynchrone Kommunikation. Das wird nur zunehmend vergessen. Die muss nicht hier und jetzt erfolgen. Zumindest kann man das so handhaben. Ich mache das so. Irgend wann hatte ich mal einen WhatsApp-Account — löschen ist mir nicht gelungen — aber seit Jahren habe ich keine App dafür. Das ist sehr befreiend, die Welt dreht sich für mich trotzdem und ich habe Luxus. Nämlich Zeit für mich.