Die Uniformität der Individualität

Das Internet wird erwachsen — und normierter. Zunehmend gleichen Webseiten einander. Der Ausdruck persönlicher Individualität wird technischen Anforderungen geopfert.

Standards haben fraglos Vorteile. Es ist praktisch, dass sich alle Autohersteller auf runde Lenkräder verständigt haben. Die Schaltung in der Mitte, mit dem ersten Gang oben links — toll. Meistens jedenfalls. Wer regelmäßig unterschiedliche Fahrzeuge fährt weiß aber: hier endet es schon. Licht einschalten kann eine Herausforderung werden. Die Handbremse kann ein Fußpedal sein. Sitz nach hinten, … — und dann so ein dickes, sperrig geschriebenes Handbuch.

Zwar nähern sich die Fahrzeuge im Design ebenfalls an, was Trends und Physik in einem gewissen Rahmen vorgeben. Es gibt aber dennoch trotz Jahren Vorsprung eine erkennbare Vielfalt.

Bei aktuellen Webseiten frage ich mich regelmäßig, ob der Browser eine vorherige Seite nochmal geöffnet hat:

  • Oben sind immer seitenfüllende, auch wechselnde Bilder, Spruch, wenig Info.
  • Es gibt ein — überflüssiges — Menü. Rollen — mobil wischen — ist die Devise.
  • Ein Block mit eher nichtssagenden Symbolen fasst Schlagworte zusammen.
  • Viele Bilder zum Anklicken. Die führen auf gleichartige Seiten.

Ich muss schon mal genauer schauen, ob das wirklich eine andere Seite ist.

Ich sehe ein, dass Tablets und Smartphones, bedient von dicken, grobmotorischen Männer-Händen, die Bedienungsmöglichkeiten drastisch einschränken. Warum muss ich auf meinem 2540x1440 Pixel großem Bildschirm deshalb Buchstabengrößen ertragen, für die ich mich zurücklehnen muss, damit ich das ganze Wort sehe?

Bis vor wenigen Jahren hat man Webseiten auf Bildschirmgröße gebracht, damit man alles sieht. Mittlerweile erwische ich mich dabei, dass ich Browser-Fenster mindestens auf halbe Größe verkleinere. Andernfalls ist das Erfassen der sowieso schon spärlichen Information richtig mühsam.

Was die Frage aufwirft, wofür ich so einen Riesenschirm überhaupt noch benötige. Wenn alles so groß ist, dass es auf einem Minischirm ertastet werden kann.

Mag sein, dass diese Zeilen niemand mehr liest, weil lesen — aus diesen Webtrends folgernd — offenbar aus der Mode gekommen ist. So viele Buchstaben auf einer Seite, das ist stark zunehmend abnehmend. Vielleicht überfordert das mittlerweile die Aufmerksamkeitsspanne des konditionierten Mitteleuropäers.

Mir stellen sich zunehmend die Nackenhaare auf wenn ich mich frage, wie immer mehr mit immer weniger Information — bei signifikant besserer Erreichbarkeit als vor gerade mal 10 Jahren — zurecht kommen. Ist die Neugier gestorben? Oder werden wir einfach immer oberflächlicher, plakativer?

Mich macht es jedenfalls nachdenklich, dass ausgerechnet jetzt, wo Zeit und Möglichkeiten für Individualität besser sind als je zuvor, die meisten mit Uniformität glücklich sind. Das Internet vermittelt zumindest diesen Eindruck.