Die Mär vom „offenen Standard“

Gestern hat ein Artikel über „offene Standards“ mein Interesse geweckt. Allerdings war das recht fix wieder verflogen, als er sich als Ode an OpenSource entpuppte, dem vermeintlichen Retter vor dem Untergang des Abendlandes.

Genau genommen ist „Standard“ und „offen“ ein Widerspruch. Denn einem Standard wohnt inne, dass er alles außer „offen“ ist. Ein „offener Standard“ wäre z.B. unser Alphabet, wenn jeder beliebig Zeichen hinzufügen könnte. Doch damit wird der „offene Standard“ inkompatibel zum Rest, weil z.B. neue Zeichen bei der Übertragung auf ein anderes Medium verloren gehen, es nirgends deren Bedeutung beschrieben ist, etc. „Offen“ gefährdet schlimmstenfalls sogar das Ganze, wenn ein „wildes Zeichen“ z.B. eine Druckmaschine völlig aus dem Tritt bringt, die dann seitenweise Ausschuss produziert.

Belastbare Standards entstehen meistens aus proprietären Ansätzen, weil ein Hersteller konsequent auf einer eigenen Idee besteht, die gegen äußere Einflüsse verteidigt wird. Daher sind Standards eher hinderlich, was Innovation und Wettbewerb betrifft. Denn zur Erfüllung des Standards müssen alle das gleiche Ergebnis liefern – wo ist da die Innovation? Beim Wettbewerb zeigen Open/Libre-Office, die sogar kostenlos sind und auf anderen Betriebssystemen zur Verfügung stehen, dass die Orientierung am Quasi-Standard MS-Office keine Vorteile oder Nutzen bringt. Wären sie in irgend einem relevanten Aspekt besser, würden sie MS-Office verdrängen. Weil sie die Formate des gern gescholtenen Marktführers lesen und schreiben können, gibt es technisch keineswegs eine „Herstellerabhängigkeit“. Das es mit dem „Aufholen“ hapert, muss andere Gründe haben.

Einer könnte sein, dass Open Source das standardisierende Konzept sowie der Antrieb dafür fehlt. Statt gemeinsam vorwärts reichen ein paar Meinungsunterschiede und aus einem Produkt werden zwei. Open/LibreOffice sind bekannte Beispiele dafür. Kräfte werden geteilt, die Chance auf einen Standard halbiert. Die anfängliche Kompatibilität untereinander geht zunehmend verloren, weil ja jeder „sein Ding“ machen will. Das ist wenig vertrauensbildend, denn bei derart offenen Strukturen weiß niemand, was morgen passiert. Davon kann auch der Autor des Artikels ein Lied singen, denn von ownCloud spaltete sich NextCloud ab. Ein klassisches Unternehmen mit „Geschäftsführer-Diktatur“ und Markenrechten übersteht solche Stürme erheblich besser – ein wichtiger Faktor für die mittelfristige Planung im Geschäftsleben.

Weil „offen“ in vielen Fällen zusätzlich „keinerlei Haftung“ und regelmäßig eingeschränkte bis keine Abwärtskompatibilität bedeutet, will es wohlüberlegt sein, ob dieser Preis eine – vermeintliche – Unabhängigkeit rechtfertigt. Die theoretische Option, jemand anderes könnte weitermachen bedeutet keineswegs, dass er es wirklich kann. Vor allem muss jemand gefunden werden, der das will und bis zur bitteren Neige erledigt, statt nach ein paar – teuren – Monaten einfach in den Sack haut, weil er seine Meinung geändert hat (s.o.). Ein Weiterer wird das ungern anfassen, weil der Quellcode nun völlig offen ist. Die Chance auf „reibungslos Weitermachen“ sind bei einem proprietären Standardprodukt mit entsprechender Marktdurchdringung erheblich besser.

OpenSource ist ein Geschäftsmodell der Vermarktung. Sie ist legitim, sie hat in einigen Bereichen signifikante Vorteile, sie kann völlig neue Dimensionen öffnen, insbesondere in Nischenbereichen, für die aus kommerzieller Sicht – zumindest anfänglich – niemand einen Cent in die Hand nehmen würde. Doch sie ist weder besser, überlegener, schöner, noch sonst was. Das Modell funktioniert lediglich anders. Wenn etwas wirklich besser ist, kann es sich durchsetzen - das beweisen erfolgreiche Open Source Produkte. Ein paar gibt es, weil da jemand war der an seiner Idee festgehalten, also schlicht den marktüblichen Überlebenstest bestanden hat. Natürlich ist das Durchsetzen von etwas „mit reichlich Geld“ einfacher, als „mit der Hand im Mund“. Das ist der Preis sowie eine Grundregel unseres Wirtschaftsmodells „Kapitalismus“. Jeden Tag zeigen kleine, schnell wachsende Firmen, dass es funktioniert.

Es ist allerdings eine bigotte Forderung, dass Rücksicht auf etwas genommen oder bevorzugt werden müsse, das bei genauerem Hinsehen regelmäßig mit den eigenen heeren Regeln im Konflikt steht, wenn z.B. von „Open Source“ die Rede ist, allerdings nirgends die Source open zum Anschauen verfügbar ist. Das „Recht des Stärkeren“ ist fraglos fies, allerdings beweist die Evolution, dass es die effizienteste und erfolgreichste Innovationsmethode ist. Der Fisch hat sich Beine wachsen lassen, statt rumzujammern, dass er sich gern an Land unterwegs wäre. Die Jammerer sind ertrunken.