Die Abkürzungsfalle

Unsere Welt besteht zunehmend aus Abkürzungen. Die versteht halt nicht jeder, sie verniedlichen oder lassen sich falsch verstehen.

„Notwendige Abkürzungen formal raumgreifender Informationsgebilde“, kurz NAfrI, bestimmen zunehmend unseren Alltag. Heute ist man nicht mehr Geschäftsführer, das heißt neudeutsch „Chief Executive Officer“ und ist natürlich viel zu lang für die Visitenkarte, das Briefpapier, die E-Mail oder das Protokoll, also wird CEO draus. Und das wird nicht deutsch Zehoh dahingeplapptert. Das spricht man selbstverständlich souverän Sii-Iii-Oouu aus.

Diese NAfrI — wie die Abkürzung dafür selbst — sind das Resultat von „keine Zeit“. Oder „kein Platz“. Oder auch „klingt besser“. Speziell im Amtsdeutsch gibt es gelegentlich Wortmonster, die will der durchschnittliche Bürger gar nicht in voller Länger oder schlimmer noch, verständlich präsentiert bekommen.

Kein Mensch spricht beispielsweise vom „vierten Gesetz für moderne Dienstleistungen am Arbeitsmarkt vom 24.Dezember 2003“. Dieses vermeintliche Weihnachtsgeschenk der Zumutbarkeit ging primär an die Wirtschaft und hat den Niedriglohnsektor in Form von „Ein-Euro-Jobs“ in Deutschland salonfähig gemacht. Hartz IV verharmlost, was es für Betroffene bedeutet.

Außerdem gibt es gelegentlich brutalen Sachzwang zur Abkürzung. NAfrI vollständig ausgeschrieben sind schon 45% der maximalen Nutzlänge bei Twitter. Dort definiert sich alles über mehr oder minder nachvollziehbare Abkürzungen. Da muss lediglich noch das Nummernzeichen1 davor, also #NAFRI , damit ein Hash-Tag, die Schrift-gewordene Maximalverstümmelung der Sprache, die Grundlage von Information oder „Gesprächen“ wird.

Während haschen2 vor dem Autofahren den Deckel kosten kann, ist hashen3 augenscheinlich gesellschaftlicher Konsens. Wobei die in beiden Fällen gelegentlich entstehende Sprache wie der Ausfall von primären Gehirnteilen klingt. Also trotz grundlegend unterschiedlicher Ausgangspunkte eine gewisse Verwandtschaft erkennbar scheint.

Die Bundeshauptstadt heißt nicht mehr „Berlin“. Wer Bescheid weiß, sucht ganz selbstverständlich nach „#Berlin“. Weil jeder sich berufen fühlt, für alles und nichts einen #Hashtag zu erfinden, damit eine objektiv eher bedeutungslose, womöglich sogar sinnfreie Nachricht vermeintliches Gewicht bekommt, blickt kein Mensch mehr durch. Aber fragen, was ich mir unter „#Berlin“ vorstellen muss, traut sich keiner.

Wobei das dringend geboten wäre. Denn das war bis vor kurzem mutmaßlich ein Anknüpfpunkt für Berlin-Touris, nach dem Vorfall am Breitscheidplatz ist es ein Betroffenheitstag. Wobei ich einräume, dass ich nicht verbindlich sagen kann, ob das vielleicht vorher auch schon so gemeint war. Oder was es in einem Jahr sein wird.

Wenn jetzt die Polizei in Köln über ihr Nafri gestolpert ist, zeigt das sehr deutlich, wie problematisch die unreflektierte Verwendung von Abkürzungen ist. Und wie dämlich, wenn man lospoltert, obwohl man keine Ahnung hat.

In diesem Sinne: Ein gesundes, friedvolles, erfolgreiches, ungekürztes, in voller Länge, Breite und Höhe erlebtes und verständliches 2017.


  1. So heißt das „#“ in Lang auf Deutsch — falls das Wort missverständlich sein sollte. ↩︎

  2. Nicht im Wort-Sinn des Duden, sondern eher so↩︎

  3. Dudenbedeutung ↩︎