Deutschland ist Entwicklungsland

Ein einzelner Schüler führt vor, wie es um unser Bewusstsein beim Datenschutz und „digitalen Schutz“ durch den Staat bestellt ist.

Sicherheit ist relativ Wohlwollend betrachtet kann festgehalten werden, dass „die Jugend“ ja doch was kann. Einige sogar genug, um staatliche „Spezialisten“ schlecht aussehen zu lassen. Allerdings sind das die Individualisten, die es zu jeder Zeit gab. Die haben ihr Wissen selten bis nie in der Schule erworben. Inselbegabungen oder Außenseiter, die ihre Zeit mit Interessen füllten. Mit dem Computer als langem Arm nach draußen, ergeben sich völlig neue Möglichkeiten. Zum Leidwesen der Betroffenen.

Das Ereignis Datenklau und Veröffentlichung der Daten als solches ist zwar in der Dimension um ein Vielfaches größer. Etwas genauer hingeschaut ist es dann jedoch nur ein frustriertes Kind mit fehlendem Unrechtsbewusstsein, das jetzt keine Geschichten über andere erfinden und streuen muss. Vielmehr sorgen die Betroffenen selbst für den Stoff, der Ärgernis bereitet. Denn viele übersehen in der modernen Kommunikation ein wesentliches Detail: Selbst „im Vertrauen“ erzählte Dinge sind nur sehr bedingt vertraulich.

Was ich auf der Straße unter vorgehaltener Hand erzähle, lässt sich später notfalls als Missverständnis darstellen. Was auf einem Server von anderen ausgegraben und ans Licht gezerrt wird, ist wie ein Mikrofon im Handrücken, das alles unbestreitbar aufzeichnet. Darüber machen sich viele bei der Nutzung „sozialer Medien“ scheinbar kaum bis keine Gedanken. Wer früher ein privates Sexvideo drehte, schloss die Videokassette gut weg, statt sie in eine Cloud hoch zu laden. Und den Schlüssel für den Schrank oder den Safe verwahrte er sorgfältig, statt ihn im Browser mit „Passwort speichern“ bequem zur Hand zu haben. Wer dann noch irgend ein Dumpfbackenpasswort verwendet, hatte vielleicht früher ein akustisches Schloss an der Tür, das mit dreimal laut Klatschen den Zugang freigibt. Zweifellos bequem, doch irgendwie den Sinn einer Türverriegelung unterlaufend.

Ich habe letztes Jahr ein Handbuch für eine Schulsoftware verfasst, bei der dieses Thema für mich ein wichtiger Punkt in der Einführung war. Was zu einer Diskussion mit dem Produkt-Hersteller führte, ob das denn so detailliert dort hinein muss oder gar den Anschein vermitteln könne, es handele sich um ein unsicheres Produkt. Wir kamen dann zum Schluss, dass ein Hochsicherheitstrakt sinnlos wird, wenn die Eingangstür mit einer Kordel an einem Nagel zugehalten wird. Weshalb die Erläuterungen für ein „sicheres Schloss“ im Buch blieben.

Weil Handbücher für Schulsoftware tendenziell eher von Lehrkräften als Schülern gelesen werden, schafft es vielleicht eine zarte Grundlage für einen Lehrauftrag, der noch weitestgehend unbeachtet ist: Leben und Überleben in der digitalen Umwelt. In unserem aktuellen Bundestag haben bzw. hatten rund 13% der Abgeordneten mehr oder weniger direkt mit Bildung zu tun, waren ebenfalls vom Datenklau betroffen. Das lässt konkrete Bildungslücken bei den in der Bildung Tätigen annehmen.

Es steht im krassen Widerspruch zum politisch gern strapazierten „Technologiestandort Deutschland“, dass wir uns zwar von „Neuland“ weiterentwickelt haben, aber diesbezüglich ein – im Vergleich mit den grundsätzlichen Möglichkeiten – weit hinten stehendes Entwicklungsland sind. Die politischen „Anstrengungen“ zur Änderung dieses Zustandes sind überschaubar und in Zeiträumen angedacht, die noch mehr Unkenntnis bei den Verantwortlichen offenbaren, als eh schon vermutet.

Trotzdem ein schönes, gesundes und erfolgreiches 2019.

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