Der Tag hat mehr als 24 Stunden

Landläufig wird unterstellt, ein üblicher Arbeitstag habe 8 Stunden. Beim Blick auf Dienstleistungsrechnungen zeigt sich: das gilt nur für die Arbeitenden.

Stellen wir uns einen Mitarbeiter in einem Unternehmen vor, nennen wir ihn »Heinz». Heinz ist Kundenberater, der immer auf die Stoppuhr drückt, wenn der Kunde anruft. Sobald er auflegt, drückt er wieder auf die Uhr, die Zeit wird dem Kundenkonto zur Abrechnung belastet.

Nehmen wir an, Heinz arbeitet heute etwas intensiver mit einem Kunden. Insgesamt gibt es vier Anrufe. Der erste dauert 3, der zweite 16, der dritte 24, der vierte und letzte 5 Minuten. Heinz schreibt in seine Zeiterfassung dafür insgesamt 48 Minuten Arbeitszeit.

Sein Chef, nennen wir ihn »Hägar«, will „Rüstzeiten“ in die Abrechnung einfließen lassen, weshalb er mit seinen Kunden verschiedene Zeitmodelle für angefangene Zeiteinheiten abrechnet. So ergeben sich für die von Heinz erfasste Zeit bei gleichem Stundensatz von 50 € für verschiedene Kunden sehr unterschiedliche Kosten:

Kunde pro angefangene sind das die kosten
Meier 1 Minute 0:48 h 40,00 €
Müller 5 Minuten 0:55 h 45,83 €
Schmidt 15 Minuten 1:30 h 75,00 €
Gernreich 30 Minuten 2:00 h 100,00 €
Krösus 60 Minuten 4:00 h 200,00 €

Während Heinz für Kunden wie Meier tatsächlich 8 Stunden arbeiten muss, genügen für Kunden wie Krösus acht kurze Anrufe, und der Tag ist rum – zumindest für die Abrechnung von Hägar. Der lässt Heinz natürlich trotzdem volle acht Stunden schuften. Vorzugsweise mit vielen Telefonaten der Sorte Krösus.

Da kommt Heinz bei einem stündlichen Telefonaufkommen wie im Beispiel auf einen Arbeitstag von 32 Stunden – zumindest in der Abrechnung von Hägar. Selbst wenn der Heinz pro Stunde 50 € zahlen würde – wobei es tatsächlich gerade mal 25 € mit Sozialabgaben sind – blieben für Hägar 1.200 € übrig. Was eine Erklärung dafür sein könnte, weshalb Heinz einen 13 Jahre alten Corsa und Hägar das neueste Porsche-Modell fährt.

Heinz hat sich deshalb sogar mal beschwert. Da hat ihm Hägar in aller Ruhe erklärt, dass 25 €/h doch ganz schön üppig wären. Denn neben Heinz muss er ja noch dessen Stuhl, sein Telefon, sein Tisch, die Heizung, etc. bezahlen – ein Schweinegeld, außerdem träg er ja noch das volle Risiko und zahlt Urlaubsgeld, Steuern und das Internat für die Kinder. Das fand Heinz ziemlich schlüssig und freute sich, dass er so viel pro Stunde heimtragen darf.

Natürlich gibt es Tage, da ruft kein Schwein Heinz an. Oder nur „Meier“-Kunden. Weil dieser beängstigende Gedanke Hägar um den Schlaf brachte, hat er mittlerweile alle „Meier“-Verträge gekündigt. Unter „Schmidt“-Level werden keine Verträge mehr geschlossen. Das federt leidlich Leerzeiten oder auch Trainingszeiten von Heinz ab. Denn der muss sich weiterbilden, damit demnächst nur noch „Gernreich“ und „Krösus“-Verträge angeboten werden können.

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