Der Herr Ösil

Die Forderung nach „Selbstkritik“ in der „Causa Ösil“ ist ziemlich scheinheilig.

Bei der Ösil-Diskussion nervt mich, dass ständig von „keine Selbstkritik“ gesprochen wird. Was hat er sich denn vorzuwerfen?

  • Dass er sich geschmeichelt gefühlt hat, vom Anführer eines Nato-Partners und Problemlösers für Deutschlands Flüchtlingsfragen persönlich empfangen zu werden?
  • Dass er sein Treffen nicht „erklärt“ hat? Macht auch Frau Merkel nicht, wenn sie mit dem türkischen Präsidenten über Prämien für eingefangene Flüchtlinge diskutiert – was im Gegensatz zum Hemdchentausch ein echter Aufreger ist.
  • Wo ist denn die vergleichbare Aufregung, wenn die UEFA Spiele in Russland und Katar veranstaltet?
  • Wer macht sich in dieser überbordenden Form Gedanken über die Gefühle der rund 70% Deutschen, die keine römischen Katholiken sind, wenn sich irgendwer aus der Nationalmannschaft mit dem Papst ablichten lässt?

Herr Ösil hat nichts falsch gemacht, er muss sich für nichts entschuldigen. Er hat das gemacht, was andere auch tun. Allein der Umstand, dass von ihm „Selbstkritik“ gefordert wird, hat schon „Geschmäckle“.

Natürlich muss es mir nicht gefallen, wenn ich ihn mit einem Politiker sehe, der hier in der Presse und aufgrund dessen, was wir von ihm erzählt bekommen, keinen guten Ruf hat. Allerdings sehen das lediglich einige so und steuern so eine „allgemeine Meinung“. Fakt ist, dass ,„der Erdoğan“ Sieger einer ordentlichen Wahl war (und ist) und er auch in Deutschland eine solide Fan-Base hat. Mir gefällt vieles nicht. Dafür reicht mir allerdings schon der Blick nach Bayern, um mir darüber klar zu werden, dass jeder, der mit dem Finger auf andere zeigt, drei Finger hat, die auf einen selbst gerichtet sind.

Wenn sich jetzt „Leute“ darüber aufregen, dass er sich zu viel Zeit für sein Statement gelassen habe, zeigt das lediglich die taktischen Fähigkeiten von Herrn Ösil. Andere waren der Meinung, sie müssten das was „erklären“ und haben sich letztendlich nur in wilden Spekulationen und Erwartungen ergangen.

Mit Verlaub: das ging und geht uns anderen nix an. Dass er die Klappe gehalten hat, war schlicht vernünftig, denn vor der WM konnte er – egal was er gesagt hätte – nur verlieren, nachdem die einschlägigen Medien sich daran ereifert hatten. Es war allemal klüger als das Rumgeeiere seines Verbandes und dessen „Lautsprecher“. Dass er zwischenzeitlich von einigen Medienvertretern und „Fachleuten“ zum „Generalverantwortlichen“ für das gesamte Elend gemacht wurde, hat seine nun vorliegende Antwort sicherlich etwas schärfer ausfallen lassen, als es nötig gewesen wäre.

Allerdings: Ist das denn eine Antwort? Wenn ich mir das so ansehe, hat er sich primär dazu geäußert, dass ihm das alles auf den Zeiger geht und er deshalb als Nationalspieler hinschmeißt. Alle Drumherum-Erläuterungen sind im Grunde nur Höflichkeiten, die er speziell denen, an die er sie richtet, objektiv nicht schuldet.

Und wenn dann tatsächlich einige die Frage stellen, warum er sein Statement auf Englisch geschrieben hat: Weil er´s kann.