Der böse Alkohol

Die „Tagesschau“ zitiert eine Studie, die angeblich selbst den maßvollen Genuss von Alkohol in Abrede stellt. Ich lese das Ergebnis anders.

Für „Tagesschau“-Verhältnisse vergleichsweise reißerisch wird mit „Von wegen in Maßen ...“ eine Studie betitelt, die wiederum diverse Studien untersucht habe und den maßvollen Alkoholgenuss in Frage stelle.

Rund 1300 Studien hätten die Forscher genauer untersucht, die für 195 Länder für 15 bis 95 Jährige erstellt worden seien1. Weltweit stünden 2,8 Millionen Todesfälle pro Jahr mit Alkohol in Verbindung. Die Weltbevölkerungsuhr hat während des Schreibens 7.636.637.350 Menschen gezählt. Davon wären das dann 0,0367 % die durch Alkohol dahin gerafft werden. Da kann ich spontan kein epidemisches oder Bevölkerung-bedrohendes Ausmaß erkennen.

Zehn Gramm Alkohol pro Tag würden das Risiko um 0,5 % steigern. Das bedeutet im Klartext: Ich muss jeden Tag 100ml Wein mit 12,5% Alkohol-Anteil trinken, damit mir ein um 0,5% erhöhtes Risiko des alkoholabhängigen Todes droht. Die prozentual fulminant wahrscheinlicheren Alternativen des Umkommens außen vor.

Bei etwas mehr Alkohol stiege das Risiko dramatisch. Bezogen auf die in der Studie absolute Zahl2 alkoholbedingter Todesfälle bedeutet das, es muss wahlweise verdammt wenige oder brutal viele Alkoholiker geben, die sich täglich „wegknallen“. Denn deren Konsum wird – das ist der Effekt von Statistik – „auf alle“ umgelegt. Also auch die, die eventuell ein paar mal im Jahr bei einer Feier ein Fläschchen Wein leeren. Für die fehlt jedoch der Faktor „täglich“, der ja – so die Aussage – maßgeblich zu sein scheint.

Bei aktuell rund 81.4 Millionen Einwohnern und rund 74.000 alkoholbedingten Todesfällen jährlich in Deutschland, leben wir hier trotz ausgeprägter Saufkultur mit 0,091 % zwar statistisch mit einem um zwei Drittel erhöhten Alkoholtod-Risiko. Das wirkt auf mich allerdings eher relativierend denn bedrohlich.

Absolut betrachtet halte ich es für sehr fragwürdig, wegen einiger, die keine Selbstkontrolle haben, den Alkohol per se zu verdammen. Vor allem mit Blick darauf, dass die Sterbe­wahr­schein­lich­keit für jeden Einzelnen so oder so 100% beträgt.

Fakt ist: während der Prohibition wurde trotzdem gesoffen und es gab signifikant organisierte Beschaffungskriminalität. In Ländern wie Schweden, mit absurden Steuern auf Alkohol, ist das Breitsaufen am Wochenende fast schon Standard. Wenn im alkoholtechnisch stark regulierten Schweden 3,5% der Bevölkerung alkoholabhängig sind, während im diesbezüglich viel freizügigeren Deutschland nur 1,6 % als alkoholabhängig gelten, zeigt sich deutlich, dass – wie so oft – immer der Mensch selbst die Ursache für ein Problem ist.

Für seinen Missbrauch kann der Alkohol selbst kaum verantwortlich gemacht werden. Vielmehr lässt sich festhalten, dass weder Verbote noch Kosten Menschen am (Alkohol-)Missbrauch hindern. Er wird eher interessant, weil es „die Rebellion des kleinen Mannes“ oder gar Statussymbol des „es sich leisten können“ ist.

Daher wäre der Kampf gegen die Gründe für exzessive oder kontinuierliche Sauferei sicherlich sinnvoller. Doch dann käme womöglich heraus, dass jemand anders schuld an den Problemen ist als der böse Alkohol.

Ich möchte noch einwerfen, dass bei Alkoholverbot oder „Prozent-Beschränkung“ diverse Medikamente vom Markt genommen werden müssten, weil deren Wirkstoffe sich nur in alkoholischen Lösungen transportieren lassen. Wenn die dann von den Regelungen ausgenommen wären, hätten wir schon wieder ein Schlupfloch …

Das ist kein Plädoyer für unkontrollierten Alkoholgenuss.
Das ist vielmehr ein Plädoyer für objektivere Berichterstattung, bei der wenigstens eine Verknüpfung mit dem Kontext versucht wird.
Mich nervt, wenn – in absoluten Zahlen – ein „Fliegenschiss“ als gigantischer „Berg Elefantenscheiße“ beschrieben3 wird.
„Vereinfachte Wahrheiten“ lassen sich zweifellos einfacher transportieren. Sie verzerren jedoch die Realität.


  1. An dieser Generalisierung habe ich arge Zweifel, da die meisten Studien viel engere Grenzen ziehen, weil es die Streuung reduziert. Je breiter die Studie angelegt ist, desto ungenauer wird sie. Zwangsläufig. ↩︎

  2. Eine absolute Zahl ist aus statistischer Sicht Blödsinn. Bei wachsender Weltbevölkerung impliziert das abnehmenden Konsum, also eine abnehmende Gefährdung. Was völliger Käse ist. ↩︎

  3. Berichtenswerter fände ich z.B., dass es für wirklich üble Krankheiten keine Medikamente gibt, weil deren Entwicklung für Konzerne wirtschaftlich uninteressant ist. Beispielsweise Ebola. Das änderte sich erst, als Entscheider merken, dass es sie selbst treffen könnte, statt nur ein paar Unbemittelte in irgend einem Entwicklungsland am Arsch der Welt. Sprich: das Ganze – entgegen aller Beteuerungen – ein Geschäft werden kann. ↩︎