D-Day

Heute vor 70 Jahren begann in der Normandie der Anfang vom Ende, mittlerweile bekannt als D-Day. Dass Europa aus dem Grauen des Krieges und des sich gegenseitig eins Reinhauens etwas gelernt hat, muss mit Blick auf die Ukraine und den markigen Sprüchen der Protagonisten, die sich — gefragt und ungefragt — einmischen, in Frage gestellt werden. Dabei ist es im Grunde ganz einfach, wie gestern (ich weiß leider nicht mehr wo und wer) ein Veteran in einer Nachrichtensendung sagte:

Es geht nicht darum, ein besserer Russe, ein besserer Engländer, ein besserer Italiener, ein besserer Deutscher, ein besserer Amerikaner, ein besserer Franzose zu werden. Es geht darum, ein besserer Mensch zu werden.

Wenn sich unsere Politiker im Vorfeld der Gedenkveranstaltungen zieren, sich gemeinsamen Gesprächen verweigern oder augenscheinlich Diskussionen geführt werden, wer heute neben wem auf einem offiziellen Foto steht, frage ich mich, warum ausgerechnet diese Pappnasen unsere Geschicke lenken. Das bekommen Vorschulkinder besser hin. Der Job der Länderchefs ist, das Beste für das eigene Volk herauszuholen. Das muss in erster Linie eine klare Absage an Gewalt sein. Denn die eskaliert und führt alle, auch die vermeintlich Unbeteiligten am Rand, an den Abgrund. Heute ist ein Tag, der daran erinnert.

Wenn die alten Männer, heute alle irgendwas um die 90 Jahre alt, verniedlichend Veteranen getauft, über ihre Erfahrungen berichten und ihr aktuelles Weltbild ausbreiten, haben zumindest diese Herren alle, unabhängig von ihrer Herkunft, die entscheidende Lektion gelernt. Was wird wohl werden, wenn wir diese Mahner nicht mehr haben und nur noch Berichte, die abhängig von politischen Interessen formbar sind, vorliegen? Mir reicht bereits die Vorstellung davon. Diese Menschen mussten durch. Diejenigen, die andere schicken, haben eine Gewissheit: Ich erst, wenn überhaupt, am Schluss.

Wenn die Herren Cameron, Putin, Obama, Frau Kanzlerin, sowie alle anderen Gefragten und Ungefragten sich gegenseitig mit heißen Nadeln im Unterarm maltretieren müssten, weil alle Soldaten der Welt sagen würden: Macht das mal schön untereinander aus, würde Vieles deutlich anders aussehen und ausgehen. Denn bereits ein wenig Schmerz am eigenen Leib, abhängig von den eigenen Entscheidungen, hätte bei den Mächtigen wahrscheinlich eine sehr deeskalierende Wirkung. Das Elend, das Krieg und Gewalt meist über die Schwächsten bringt, müsste dann gar nicht thematisiert werden. Wobei sich das in Zeiten von Big Brother sicher problemlos realisieren ließe. Weniger Wasser, weniger Essen, nichts zum zudecken. Als medientaugliche Eskalation gibt es sicher viele kleine unterhaltsame Gemeinheiten. Das als Eurovisionssendung würde die Menschen in den Ländern wahrscheinlich vor den Schirmen einen. Schauen statt schießen.

An Tagen wie diesen fallen mir immer solche Utopien ein. Aber trotz unserer Fähigkeit, sich an etwas zu erinnern und es sogar aufzuschreiben, haben wir wohl doch nur eine begrenzte Lernfähigkeit. Wenn es dann enger wird, sind wir schnell wieder in der Steinzeit, bei der man halt übereinander hergefallen ist. Warum auch immer. Miteinander reden, Respekt voreinander, Rücksicht, Verhandeln, etc. — diverse menschliche Eigenschaften, in Jahrtausenden Evolution erworben, pulverisieren in Sekunden und reduzieren sich auf markige Worte und Forderungen nach Aufrüstung, während die Mahner wahrscheinlich als Spinner belächelt werden.

Für die Menschen in der Ukraine und allen anderen Krisen- und Kriegsgebieten auf unserer Erde hoffe ich, gerade heute, dass wir Menschen, insbesondere unsere Führer mal was Neues ausprobieren: aus der Geschichte lernen.