CeBIT-Impressionen

Wie jedes Jahr rief die CeBIT die computer- und allgemein computer-basiert technik-affine Bevölkerung zum Marsch auf Hannover auf. In diesem Jahr von Montag bis Freitag. Für viele Aussteller eine Verschlechterung, denn das erforderte eine Anreise am Sonntag. Irgendwie aber auch eine Verbesserung, weil der ausgewiesene Beutelratten-Tag wegfiel. Das war in den letzten Jahren der Samstag, der Familientag unter den Messetagen. Da packt Papa Mutti, Kind und Kegel ein und macht mit der Sippschaft einen — aus seiner Sicht unterhaltsamen und spannenden — Familienausflug zur CeBIT. Vorzugsweise mit zusammengeschnorrten Tickets verschiedener Aussteller,die so nicht merken sollen, dass sie einen Familienbetriebsausflug mit Ihren Kundentickets finanzierten.

An solchen Tagen setzt sich der erfahrene Aussteller auf alles, was nicht festgeklebt, -geschraubt, -genagelt oder verschlossen ist. Denn sonst ist es weg. Die schonunglos agierenden Werbegeschenkegreifer differenzieren nicht. Was einen Augenblick unbewacht und damit ungeschützt in Greifweite liegt, wird ohne weitere Prüfzyklen oder gar Gewissensbisse zum Werbegeschenk für die bereitwillige Abgabe aufgrund von Unaufmerksamkeit umgewidmet. Was im Regelfall einen zeitnahen Besitzerwechsel nach sich zieht, denn es geht an zufällig vorbeimarrodierende Sammler- und Jäger-Trupps verloren. Die kleinen Aufmerksamkeiten, gedacht für den interessierten Besucher eines Messestandes, werden auf reine Lustobjekte reduziert, die den hemmungslosen und ausschließlichen Drang nach Inbesitznahme befriedigen müssen.

Ein statistisch durchschnittliches Menschenleben dürfte kaum für das Leerschreiben der sackweise erbeuteten Stifte einiger besonders effizienter Greifer ausreichen. Insbesondere, weil diese Besucher der Gattung forum venatoris1 eine aufgrund steter Wiederholung gereifte Erfahrung aufbauen, mutmaßlich also die Trophähen ungezählter Streifzüge durch die Schluchten der Messehallen den Keller und die Garage blockieren. Mutmaßlich. Ganz davon abgesehen, dass die erbeuteten Messeschreibgeräte aus eben diesem Grund, den Jägern, im Regelfall von eher überschaubarer Qualität sind. Insbesondere, was die Haltbarkeit der verwendeten Minenprodukte betrifft. Deren Tinten dürften vor einer theoretisch möglichen Verwendung bei den aufgehäuften Mengen bereits mehrfach ihren Aggregatzustand verändert haben. Das aufgrund ungünstiger Lagerung morsche Gehäuse gibt vorhersehbar dem wachsenden Druck ständig neu zufließender Stifte von oben nach und verändert nachhaltig und irreversibel seine Form. Was zur Unverwendbarkeit führt, allerdings nicht wahrgenommen wird, da die Tragödie in einer der vielen, ebenfalls im Messe-Nahkampf erbeuteten Tragetaschen stattfindet. Unsichtbar für die Umwelt.

Womöglich sind es auch verzweifelte Versuche für einen Guinness-Buch-Weltrekord-Eintrag, die aufgrund der Errosion der Dorfältesten im Beutel zu einer Endlosschleife führen: die Jagd als Kompensation für den Verlust, die Beute der Jagd als auslösender Faktor. Bizzarrer Gedanke, aber für mich eines der wenigen als potenziell sinnvoll vorstellbaren Szenarien für diese Eroberungsfeldzüge.

Dieses Jahr wurde ich Zeuge einer perfektionierten Jagdtmethode. Man nehme einen möglichst großer Rollkoffer, dessen Reißverschluss oben zur Hälfte geöffnet ist. Durch diesen Spalt lassen sich alle Eroberungen blitzschnell aber im Bewegungsablauf eher beiläufig hineinwerfen, was zu einer automatisierten Handlung wird. Während der Beutesicherung kann bereits nach der nächsten Ausschau gehalten werden. Auch Teams, häufig sehr junge Messebesucher oder Rentergruppen, traten dieses Jahr verstärkt auf. Jeder hat einen Rucksack, der aus Effizienzgründen nicht abgesetzt, sondern von einem oder mehreren Partnern befüllt wird.

Mit gesenktem Blick an die Messestände heranpirschend, bewusst jegliche Informationsaufnahme auf den oben hängenden Hinweistafeln der Standbetreiber meidend. Einzig Interesse heischend an allem, was man vor, auf, an, hinter oder unter Präsentationsplätzen womöglich haben wollen könnte. Speziell um die Mittagszeit wächst das Interesse an kostenfreien Kalt- oder warmen Getränken, vorzugsweise mit einer zünftigen Brotzeit kombiniert. Da bleibt der Jäger oder gleich die ganze Jadtgesellschaft schon mal und wartet, ob nach einer Mitleidsgeste durch einen Standbetreiber noch mehr kommt oder ob man weiterziehen muss, weil der Roomservice nachlässt. In jedem Fall wird strikt zwischen Interesse an den eigentlichen Leistungen und Produkten der Aussteller und dem Interesse an Kundenbespaßungs- oder Versorgungsobjekten getrennt. Echte Messe-Trapper konzentrieren sich ausschließlich auf Letzteres.

Sollte jetzt jemand einwerfen, die Messeveranstalter habe doch den Erfolg des neuen Konzepts betont, wonach es keine privaten Messebesucher gäbe. Da war ich dann wohl auf einer anderen Veranstaltung als Aussteller den gerade geschilderten Beobachtungen ausgeliefert. Oder Fachbesucher haben sich als Schulklassen und Altenheim-Ausflügler getarnt auf dem Weg gemacht, um im Deckmäntelchen einer bei den Ausstellern ungeliebten Messe-Spezies einen ultimativen Flächentest bei allen Anbietern auf Kundenservice-Bereitschaft durchzuführen.

Wobei es durchaus das echte Fachpublikum gibt. Wenngleich sich manche aufgrund eklatanter Hygiene-Defizite nicht gerade in die Herzen der Aussteller schleichen. So manchem Aussteller wurde schon schwindlig, weil nach langem Luftanhalten eine Unterversorgung des Hirns mit Sauerstoff auftritt, die sich in halizunogenen Sehstörungen niederschlagen kann. Das Sprichwort jemanden nicht riechen können ist womöglich aufgrund einer deratigen Begegung auf einer Fachmesse entstanden. Ich räume unumwunden ein, dass die Hotelpreise während einer Messe in einem großzügigen Umkreis um Hannover sehr oft jeglichen Realitätsbezug verloren haben. Dennoch ist die Verlegung der Ruhephasen in die An- und Abreise während der Bahnfahrt, inklusive der dort beschränkten bis nicht vorhandenen Körperpflege-Möglichkeiten, kein Empfehlungsschreiben für eine erfolgreiche Zusammenarbeit. Wobei dieses Szenario ebenfalls meiner Vorstellung entsprungen ist, beziehungsweise die Interpretation einiger Andeutungen durch Besucher. So habe ich durchaus Verständnis für Deo-Versagen, wenn sich das Ende des Messetages nähert, denn eine Messe ist fraglos anstrengend. Wenn manche bereits kurz nach Einlass das Bukett eines oder gar mehrerer durchstandener Messetage ohne Kontakt zu Wasser, Seife, Zahncreme verströmen, stellt das jedoch eine ganz besondere Herausforderung für jeden Messepräsentator (und noch mehr Präsentatorin, die sind den Berichten zufolge diesebzüglich signifikant sensibler) dar und findet kaum bis kein Verständnis.

Zum Schluss für alle, die eine Messe besuchen, handfeste Gründe, warum man bei einer Messe niemals in frei zugängliche Kecks- oder Gebäckschüsseln greifen sollte, zumindest, wenn dort unverpackte Ware offeriert wird. Wie das bei den Damen ist, weiß ich nicht. Bei den Herren genügt ein Toilettengang. Da klingelt schon mal beim Nachbarn das Telefon, während an der Stehkeramik der Wildbach rauscht. Aber die Guten haben eine Hand frei und klemmen sich dann im gepflegten Ambiente einer Messe-Latrine das Telefon unter das Ohr, weil Hosenreißverschlüsse beide Hände erfordern. Dann wird zielstrebig der Ausgang angesteuert. Beängstigend ist der Umstand, dass solche Beobachtungen auch aus dem Bereich der Sitzkeramik möglich sind. Warum die Waschbecken von manchen — auch ohne Telefonat — gemieden werden, sei dahin gestellt. Aber ausgerechnet Kerle in schicken Anzügen geben im Toilettenumfeld dem Wort Blender mit geschniegelten Schuhen und gut sitzendem Sakko eine völlig neue Tiefe. Denn der edle Zwirn drumrum tarnt die Pottsau darin. Daher sind feuchte Hygiene-Tücher ein wichtiger Ausrüstungsgegenstand sowohl für Aussteller als auch Besucher, regelmäßiges Händewaschen Pflicht. Denn man schüttelt ja auch Hände…


  1. Messe-Jäger ↩︎