Besitzen <> Haben

Wenn man sich alles einfach kaufen kann, entweder im Laden oder bei Amazon, dann ist dem Augenschein nach die Spitze der Evolution erreicht. Wir müssten alle wunschlos glücklich sein. Naja. Soweit es der jeweilige Geldbeutel zulässt. Dem steht die Tatsache gegenüber, dass jemand, der in einer Waldlichtung mit einem Bach, in der verschiedene Früchte und Getreide wachsen, vor seinem Zelt am Lagerfeuer sitzt, im Grunde alles hat was er braucht.

Wobei es so einfach doch nicht ist. Denn selbst wenn ich Mehl, Wasser, Hefe und einen Backofen besitze, habe ich noch lange kein Brot. Auf der anderen Seite besitze ich ein Auto und fahre dennoch regelmäßig Bus, Taxi oder Bahn. Denn dort habe ich etwas, was mir das Auto nicht bietet: Zeit für mich oder etwas anderes, die ich beim selbst steuern des Fahrzeugs nicht hätte. Oder den Luxus, dass ich mich nicht im Stau herum ärgere, während der Bus auf die Busspur an mir vorbei zieht. Viele von uns besitzen einen hinreichenden Wortschatz, mit dem sie ein Gedicht lesen und verstehen können, haben aber deshalb noch lange nicht die Fähigkeit, selbst eins zu schreiben. Manche machen es trotzdem und es wäre besser für die Welt und sie selbst, wenn es sonst niemand erfährt. Ich besitze eine Stimme und treffe durchaus die Töne, würde deshalb aber nicht sagen, dass ich eine Singstimme habe. Happy Birthday singe ich gern aus voller Brust mit, zu Bohlen & Co. würde ich deshalb trotzdem nicht gehen.

Diese Woche ist mir das mehrfach aufgefallen. Du meinst, dass du etwas hast, dabei besitzt du es nur. So besitze ich auf meinem Laptop diverse Programme, habe aber eigentlich nichts davon, denn mir ist bei einigen völlig unklar, warum und wozu die da drauf sind. Löschen möchte ich aber nicht, denn einerseits waren die Bestandteil des Kaufs, also Bestandteil des Preises — dessen Zusammensetzung ein großes Geheimnis für mich als Endkunde darstellt — und sind damit vermeintlich wertvoll. Oder ich habe sie aus irgendeinem Grund irgend wann mal irgendwo aus den Tiefen des Internets gesaugt und mittlerweile vergessen, was der Anlass war. Außerdem besitze ich sie und ärgere mich womöglich, wenn ich sie bräuchte aber gelöscht hätte. Wobei ich das wiederum wahrscheinlich nie erfahre, denn ich weiß ja nicht (mehr), wofür sie gut sind. Selbst wenn ich weiß, wofür sie sind und selbst wenn ich sie verwende, habe ich trotzdem nicht unbedingt etwas davon. Denn ich stelle bestenfalls fest, dass dieses oder jenes Progrämmchen ganz nett ist, und man es eventuell mal für dies oder das brauchen könnte, weshalb ich es nicht lösche. Es dann aber doch nicht benutzt. Warum auch immer. Ich besitze es, habe aber objektiv betrachtet nichts davon.

Hinderlich wird es, wenn ich etwas besitze und deshalb meine, dass ich nichts anderes brauche, weil ich vermeintlich alles dafür habe. Auffällig ist das bei sehr vielen privaten und durchaus auch gewerblichen Webseiten. Deren Besitzer glauben, sie haben eine Außendarstellung. Allerdings besitzen sie lediglich eine Domain. Wenn überhaupt, wird sie zufällig gefunden und selbst dann ist das, was ich sehe nichts, was mich verweilen und stöbern lässt. Wobei das, was da unattraktiv präsentiert steht, durchaus interessant für mich sein könnte. Aber allein der Besitz eines CMS oder HTML-Editors reicht nicht. Deshalb habe ich noch lange keine ansprechende, gut frequentierte Webseite.

Ich will zukünftig dem besitzen und haben noch das brauchen und können an die Seite stellen. So besitze ich zwar ein Auto, habe auch durchaus Spaß am fahren, kann es mir aber leisten, mit dem Bus, Zug oder Taxi zu fahren, weil diese Anbieter mir dafür etwas bieten, was ich brauche: Entschleunigung, ohne selbst an Fahrt zu verlieren. Bevor ich mich durch irgend eine Großstadt quäle und dann am Ende der Kampf um den Parkplatz beginnt, der meist viel Schweiß, Nerven und zu guter Letzt viel Kleingeld kostet, ist so ein Taxi, direkt vor der Haustür des Kunden, genau das, was ich haben will. Ich brauche das auch deshalb, weil ich dann entspannt dort ankomme. Nicht verschwitzt, nicht genervt. Und ich kann in Ruhe Bescheid geben, wenn es etwas später wird. Ohne mich simultan mit den Ampelfarben draußen und der in anderer Situation durchaus unterhaltsamen Interpretation der Spracherkennung bei der Suche nach der passenden Telefonnummer des Kunden auseinanderzusetzen. Denn obwohl ich dafür alles erforderliche besitze und die erforderlichen Fähigkeiten habe, können andere das eventuell eleganter, effizienter und ressourcenschonender für mich machen, damit ich bekomme, was ich brauche.