Begegnungen

Bevor es Fragen zum Datum gibt: Dieser Artikel ist dem Umstand geschuldet ist, dass es Orte gibt, an denen zwar ein Artikel erfasst, aber nicht in den Blog hochgeladen werden kann. Bei einer längeren Reise, beispielsweise. Dieser Eintrag ist daher eine Art Minitagebuch bis zum 21.02.2014.

Die Reise beginnt mit der Entscheidung, dass es nicht mit der Bahn sein soll. Einerseits, weil sie unterschwellig die Verantwortung für gesundheitliche Mißstände von mir zugewiesen bekam. Andererseits, weil sie schlicht kein sinnvolles oder akzeptables Reiseangebot für die geplante Fahrt anbieten konnte. Man möchte meinen, dass die Strecke Braunschweig - Chemnitz vielleicht nicht zu den am stärksten frequentierten gehört. Allerdings ist Chemnitz auch kein Bergdorf auf einer einsamen Vulkaninsel in der Südsee, was eine etwas beschwerlichere Anreise erwarten ließe. Mit dem Auto stemmt man die ziemlich genau 300 km bei freier Strecke kuschelig in drei Stunden. Tagsüber, wenn man alle Verbindungen bekommt, wie auf dem Fahrplan ausgewiesen, schafft es die Bahn in etwas über vier Stunden. Konkurrenzfähig, könnte man wieder meinen. Allerdings nur dann, wenn man akzeptiert, dass die früheste Ankunftszeit irgendwas ab 11 Uhr und die späteste Rückreisezeit irgendwas vor 19:00 Uhr ist.

Andernfalls fahren zwar Züge, die man besteigen kann. Allerdings wird man sie nicht unter 12-stündigem Aufenthalt verlassen. Denn dann wählt die Bahn nicht die naheliegende Verbindung Brahnschweig - Magdeburg - Leipzig - Chemnitz. Statt dessen wird man mit einem vermutlich von lahmenden Gäulen gezogenen Bummelzug über Berlin an das Ziel herangeführt. Wer um 9:00 Uhr morgens einen Termin hat, muss von Braunschweig deshalb am Vorabend die Bahnreise antreten. Dass man dann morgens, in Ermangelung einigermaßen kultivierter Hygienemöglichkeiten, mutmaßlich riecht wie ein Pumakäfig, aussieht wie eine Knitterfichte und fit ist wie nach einer durchgesoffenen Nacht, ist dabei eine vorhersehbare Randerscheinung. Kurz: Verbietet sich für Kontakte, die man wiederholen möchte.

Also muss das Individualreisemittel Auto genutzt werden. Es geht — für manchen Zeitgenossen fraglos zu unchristlicher Zeit — um 6:00 Uhr los. Das wird durch eine weitere Nacht im eigenen Bett mehr als aufgewogen. Da der frühe Wurm meine Aufstehgewohnheiten geprägt hat, ist das für mich eine sehr gut beherrschbare Herausforderung. Weil es um diese Zeit noch vergleichsweise leer ist auf deutschen Autobahnen, lässt sich eine angenehme Reisegeschwindigkeit zwischen 130-140 km/h in den Tempomat hauen, man bekommt einen grandiosen Sonnenaufgang über dem Freistaat Sachsen geboten und ist entspannt von Tür zu Tür um 8:50 Uhr am Ziel. Es drängt sich fasst die Mutmaßung auf, dass Komfort aus (man) kommt fort entstanden sein könnte.

Als Erheiterung hatte ich für ca. 30 km einen Gas, Wasser, Scheiße-Kombi vor mir, der meinte, es brächte Punkte, wenn er wie ein Slalomfahrer zwischen den Lücken der linken und rechten Fahrspur hin und her springen autolängenweise nach vorne schafft. Was nachfolgende von ihm um ihren Sicherheitsabstand gebrachte Verkehrsteilnehmer allerdings außerordentlich nervt, denn den Rückspiegel hat er offenbar abgeschraubt, weshalb er heraneilende Fahrzeuge ob seiner Strategie grundsätzlich kurzfristig zu einer Verbeugung zwingt. Was ein Auto halt so macht, wenn man ordentlich wegen so einem Vollpfosten in die Eisen gehen muss. Der Schwachmat ist gerade schnell genug, dass er sich zur nächsten Lücke vorkämpfen kann, aber nicht schnell genug, als dass er mit seiner Strategie enteilen könnte, damit man wieder seine Ruhe hat.

Einen Pickup-Fahrer wurde das dann offenkundig zu dumm. Er packte sich auf der linken Seite so neben den Kombi, dass der hinter einem LKW eingekeilt war. Dann wartete er gemütlich, bis alle Nachfolgenden in einer stillen Übereinkunft alle Lücken geschlossen hatten und zog dann langsam am LKW vorbei und dahinter nach rechts. Eine Phalanx aufatmender Fernreisenden, mich eingeschlossen, eilten am LKW vorbei. Als sich dann eine großzügige Lücke ergab, zog der Pickup wieder nach links und wartete auf den Kombi, der seine Grundgeschwindigkeit nur sehr zäh wieder steigern konnte. Dann zog er gemütlich weiter, während der Kombi versuchte, mit seinem Slalom-Manöver eine sich rechts auftuende Lücke für sich zu nutzen. Was der PS-technisch augenscheinlich signifikant besser ausgestattete Pickup mit einem gepflegten an der rechten Seite kleben bleiben konterte, womit der Kombi wieder eingekeilt war. Bis die nächsten heraneilenden Fernreisenden und einer der in hinreichender Menge verfügbaren LKW eine neue Runde einleuteten.

Ich beobachtete das eine Weile zunehmend erheitert im Rückspiegel und wartete eigentlich darauf, dass ein HB-Männchen durch das Kombi-Dach in den sächsischen Morgenhimmel aufsteigt. Entweder, das Blechdach war zu dick, oder der Fahrer ergab sich zähneknirschend in sein Schicksal. Jedenfalls entfernten sich beide Fahrzeuge am Horizont im Spiegel, ohne dass es einen Raketenschweif gegeben hätte.

Die Woche war mit weiteren streckenintensiven Reisen gespickt, so ging es wieder zurück nach Braunschweig, von da nach Kiel und von dort nach Saarbrücken und wieder zurück nach Braunschweig, bzw. Chemnitz, denn eine geschätzte Kollegin machte die Landpartie mit. Bis Braunschweig jeder in seinem Töff, ab dann in einem. Zwei Kundentermine waren der Grund für die Kilometer-Fresserei. Der eine — man kann es sich denken — in Kiel, der andere in Saarbrücken. Dort kamen wir gegen 1:00 Uhr morgens an. Davor hatten wir den US-Stützpunkt Ramstein gestreift, von dem in der Nacht ein eigentümliches Leuchten ausging. Ich unterstelle, dass es wohl eher kein Glimmen einer leckenden Atomwaffe war, denn dann wäre sicherlich ein ordentliches Ameisentreiben sichtbar gewesen. Ich beruhige mich damit, dass es hoffentlich der wolkige Himmel lediglich die Megawatt-Beleuchtungen des Flughafen-Geländes reflektierte. Die wiederum mutmaßlich dafür sorgen soll, dass garantiert kein Taliban ungesehen über die Startbahn hoppelt.

Der Saarbrücker Kunde erläuterte uns dann noch zwei weitere gesehene Phänomene. Das eine nennt sich 130 und ist die Geschwindigkeitsbegrenzung auf einer sehr neuen, sehr gut ausgebauten, dreispurigen Autobahn gen Frankreich. Die GIs seien von den Möglichkeiten unbegrenzter Geschwindigkeit deutscher Autobahnen überfordert. Statt alle paar Tage einen von der Leitplanke zu kratzen, gäbe es jetzt ein Geschwindigkeitslimit, womit sich der Aufwand auf ca. eien pro Woche reduziert habe. Auf der Autobahn im Raum Ramstein solle man unbedingt auf rote Blinker in Auffahrten achten. Das wären GIs, die dann ohne Rückspiegelnutzung (also kein reines Handwerker-Kombi-Problem) auf die mittlere Spur herausziehen, weil da halt dann nach allen Seiten reichlich Platz sei. Und nachts führen sie nur in Gruppen mit engem Abstand auf der Mittelspur, damit niemand verloren ginge. Letzteres hatten wir verwundert mehrfach beobachtet. Vergleichsweise langsamfahrende Konvois aus PKW auf der mittleren Spur. Für die waren wir wahrscheinlich Marsianer in einem mit Lichtgeschwindigkeit dahinfliegenden Gefährt, dass da mit der zulässigen Höchstgeschwindigkeit zuzüglich einem kleinen Tachomissweisungsbonus an ihnen vorbeischoss.

Zurück haben wir uns dann in Frankfurt aufgeteilt. Kollegin gen Chemnitz, ich gen Braunschweig. Mit dem Zug. Blöde Idee. Abgesehen von den Erlebnissen der letzten Wochen, auch noch Freitags Zug fahren. Ich hatte zwar frühzeitig eine Karte mit Platzreservierung erworben und mich damit in Sicherheit gewogen. Fataler Fehler. Dann fällt eben der ganze Zug aus und die Reservierung ins Wasser. Denn für den Ersatzzug, der statt dessen fährt, gilt die Reservierung natürlich nicht und Nachbuchen für den Ersatzzug ist in der Bahn-App offenbar nicht vorgesehen. Das einzig Unterhaltsame an der Sache ist der Umstand, dass man ja nicht der Einzige ist, der sich verlassen hat und jetzt verlassen ist. Was ein starkes Gruppengefühl erzeugt und wildfremde Menschen veranlasst, sich gegenseitig ihre Bahnstories zur Erheiterung der Gruppe zum Besten zu geben. Wobei nahezu jeder Geschichte eine gewisse Bitterkeit und Kapitulation vor den Unwägbarkeiten einer zeitgenössischen Bahnreise innewohnt. Dieses spontane Leidensgenossen-Treffen gebar einen unterhaltsamen Wortwechsel:

Reisender A :

Sie können sich die Kosten für die Platzreservierung zurückerstatten lassen.

Reisender B:

Ich bin doch nicht wahnsinnig! Ist Ihnen klar, was das für ein IRRER AUFWAND ist?

Reisender A:

Haben Sie das nicht gemerkt? Das war ein SCHERZ.

Das macht es erträglich, dass man anderen Reisenden, die eine gültige Reservierung haben, mehrfach den Platz räumen muss und sich einen neuen sucht. Beim nächsten Mal bin ich hoffentlich wieder der Hund. Heute bin ich zwar der Baum, aber dafür eine Stunde früher zu Hause, weil ich in Ermangelung einer Reservierung den erstbesten Zug gen Norden geentert habe und mir so das Warten auf einen Zug sparte, für den ich ebenfalls keine Reservierung hatte.Ich kann jetzt nur hoffen, dass mir diese Zugreise neben den genannten Erheiterungen und Unbill keine weiteren Überraschungen eingebracht hat, die sich mir erst in den nächsten Tagen vorstellen.