Arbeitszeiterfassung

Der EuGH hat entschieden, dass Arbeitszeiten erfasst werden müssen. In Deutschland habe das – so die Presse weitestgehend unisono – „Arbeitgeber erschreckt“. Warum eigentlich?

Egal wie schnell wir laufen. Zeit lässt sich unmöglich „fassen“. Womöglich gehe ich da sehr naiv ran. Selbst wenn ich gesetzeskonform eigentlich nur Überstunden erfassen muss ist mir unklar, wie das ohne Berücksichtigung der „normalen“ Stunden funktionieren soll. Aus meinem Verständnis für Zeiterfassung resultieren Überstunden aus der Rechnung

  Geleistete Arbeitszeit 
– Vereinbarte Arbeitszeit 
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= Über-/Fehlstunden

Meine Naivität mag daher rühren, dass ich in meinem Berufsleben nie in Firmen mit festen Arbeitszeiten gearbeitet habe. Bei einem Industriepraktikum gab es noch eine Stechuhr mit Papp-Karten. Wobei die eher symbolisch waren, denn da herrschte Herdenkontrolle. Falls jemand notorisch zu spät kam, führte das zu gruppen­dyna­mischen Vorgängen, die in einen klärenden Kommentar des Vorgesetzte mündeten. Ich nehme an, das läuft heute immer noch so.

Sobald es keine starren Arbeitszeiten gibt, war und ist es für mich eine Frage der Vernunft und Eigenkontrolle, die geleistete Arbeitszeit in einem wie auch immer gestalteten Dokument festzuhalten. Andernfalls gibt es auch keine Überstunden, sondern lediglich „Spaß an der Arbeit“.

Am Argument der Gewerkschaften, es gäbe zu viele unbezahlte Überstunden, ändert das Gesetz kaum etwas. Was vorher undokumentiert und damit unbezahlt war, wird es wahrscheinlich trotz solch eines Richterspruchs weiterhin sein. Sobald ein Chef keine Lust auf Geld für Mehrleistung hat, kann er das wie jetzt schon weiterhin problemlos durchsetzen:

Wen du für das Reinigen eines Hotelzimmers mehr als 10 Minuten brauchst, kannst du das nach­arbeiten oder du musst es wo anders versuchen. So sind hier die Regeln für alle.
Bei den angebotenen Wahl­mög­lich­kei­ten dürfte es einen starken Trend geben.

Dass eine Doku­mentations­pflicht zwangs­läufig zur Aufdeckung einer Unsumme unbezahlter Arbeits­zeit führt, ist aus meiner Sicht keineswegs sicher. Bisher klaglos vom Arbeit­geber bezahlte Überstunden können sich als Fehl­ein­schätz­ung entpuppen. Die oben dargelegte Formel kann nämlich die bisher angenommenen Überstunden als einen mehr oder weniger großen Anteil dessen ausweisen, was man landläufig „reguläre Arbeitszeit“ nennt.

Zitierte Arbeitgeber, die über mangelnde Flexibilität der nun erforderlichen Maßnahmen klagen, offenbaren lediglich, wer hier unflexibel ist. Die Stechuhr, vor deren Rückkehr sich jetzt angeblich einige fürchten, wird im Museum bleiben. Die modernisierte Form schleppen viele allerdings schon seit Jahren in unterschiedlichster Ausprägung auf ihrem Mobiltelefon mit sich herum.

Wer über dieses Urteil jammert, ist entweder ein Ausbeuter, ein Depp oder eine Kombination daraus. Es wird keinerlei relevante Wirkung entfalten. Die „Doku­ment­ations­pflicht“ ist nahezu ausnahmslos sowieso schon auf den Mitarbeiter ausgelagert. Vom Lehrer abgesehen, der die Anwesenheitsliste abfragt. Schon bei der Stechuhr musste jeder seine Karte selbst durchziehen. Nun müssen Arbeitnehmer halt per Tabel­len­kal­ku­la­tion, App-generiert oder auf einem selbst­gemal­ten Zettel am Monats­­ende ihre von ihnen in Eigen­leistung erfassten Zeiten abliefern. Ergänzt um die Auflage, „eigen­verant­wortlich“ für zeitnahen „Ausgleich“ zu sorgen, ändert das keinen einzigen Verwaltungs- oder Lohnvorgang. Denn unausgesprochen lässt sich das „eigen­ver­ant­wortlich“ recht elastisch dehnen. Siehe Kasten oben.

Da wo es bisher keinerlei Zeiterfassung gab, erschöpft sich der erforderliche Aufwand mit der Einrichtung eines passenden Postfachs für die Zeit­mel­dun­gen, das regelmäßig archiviert wird. Falls mal jemand nach den Dokumenten fragt. Ich bin ziemlich sicher, dass diese Frage selten bis nie von Arbeit­nehmern in hinter­fragens­wür­digen Beschäf­tigungs­verhält­nissen gestellt werden wird.

Aus meiner Sicht haben die Gewerkschaften mal wieder nur einen von Ihnen bestellten Schaukampf gewonnen. Der Volksmund nennt das Ergebnis „Hornberger Schießen“. Womöglich war es sogar ein Pyrrussieg, denn abgesehen von den Funktionären werden sich sowohl die meisten gewerk­schaftlich organi­sier­ten als auch sonstige Arbeit­nehmer fragen, wie dieses Urteil ihnen helfen soll.

Sobald die Dokumentation von Überstunden womöglich den Arbeitsplatz gefährdet, dürfte Betroffenen klar sein, wie die aussehen muss, damit genau das bestmöglich vermieden wird. Allerdings muss jetzt aufgrund des Richterspruchs ein „Arbeitszeitnachweis“ angefertigt werden, der Arbeit­nehmern in so einer Situation jede Möglichkeit des Einspruchs nimmt. Mit dem von ihm gefor­der­ten Dokument muss er nun dem Arbeitgeber einen Persilschein ausstellen. Keinen Grund zur Panik also bei Arbeitgebern, eher einer für ein breites Grinsen.

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