Anitsemitismus

Aktuell sind Menschen auf der Straße, die sich über die Strategie Israels erzürnen. Zusammengepferchte Menschen mit unmenschlichen Methoden bedrängen — da sollte in Israel historisch gesehen die ein oder andere Glocke läuten.

Natürlich ist es unschön, dass die Bedrängten Raketen abschießen, durch Tunnel ins eigene Land kommen und dort ebenso fragwürdige Dinge tun. Die Parteien schenken sich nichts. Aber dass Vertriebene Vertriebene töten und sich dann daran stören, dass der Protest dagegen Antisemitismus sei, hat eine fragwürdige Note.

Wer andere umbringt muss sich gefallen lassen, dass es Menschen gibt, die das lautstark kommentieren. Welpenschutz für ausgewachsene Kampfhunde ist in etwa so lächerlich, wie die Forderung Israels, man solle sich mit Protest zurückhalten, weil das antisemitisch sei.

In Russland protestieren Menschen gegen Ukrainer, dort wird gegen Russen protestiert, wir protestieren gegen alle, die Amerikaner gegen Leute, die ihre Ölversorgung bedrohen. Alles das ist anti-irgendwem. Weil Israel das Land der Juden und die historisch Semiten sind, ist Protest dann eben antisemitisch.

Allerdings hat dieser Protest — von einigen ewig Gestrigen und intellektuell signifikant Unterversorgten abgesehen — eine andere Note. Im dritten Reich und auch davor war Antisemitismus allein aus dem Umstand des Judentums begründet. Der Protest heute begründet sich aus den Handlungen, die vom Staat der Juden ausgehen. Mag ein Detail sein, ist jedoch wesentlich.

Hier schlägt sich leider eine menschliche Eigenschaft Bahn, nämlich die Generalisierung. Schnell ist eine Entgleisung hinreichende Begründung, dass jemand an allem Schuld hat. Historisch gesehen sind wir alle — damit meine ich nicht nur Deutschland, Antisemitismus ist ein internationales Phänomen — noch mitten drin in der Aufarbeitung.

Geschichtlich betrachtet ist es einen Wimpernschlag her, dass das Volk Israels wieder eigenen Boden unter die Füße bekam. Wobei die Wiedergutmachung des Unrechts an ihnen mit Unrecht an anderen erkauft wurde. Welches Unrecht das größere war, auf wen weshalb mehr Rücksicht genommen werden sollte — wen interessiert das!

Keinem, der in der Vergangenheit und in den letzten Tagen deshalb verletzt oder getötet wurde, ist damit geholfen. Unrecht mit vergangenem Unrecht rechtfertigen, ist primitiv und erzeugt eine Spirale der Gewalt. Waffengewalt als Antwort auf Sprach- und Kompromisslosigkeit verdient ein anti.

Das kann anti-russisch, anti-amerikanisch aber auch anti-semitisch sein. Allerdings ohne Generalisierung. Denn weder der Ami noch der Russe und schon gar nicht der Jude ist an allem Schuld.

Das Problem ist die Balance. Um die müssen sich jedoch alle Beteiligten bemühen. So wie die Welt schockiert war, dass Menschen andere Menschen kasernieren und allein aufgrund ihres Glaubens töten, ist es ebenso schockierend, dass deren Nachfahren Menschen kasernieren und mit Raketen beschießen.

Es gibt fraglos signifikante Unterschiede, im Ergebnis für Einzelne ändert es jedoch nichts. Aus der Ferne eines sicheren Landes ist das gefällige Urteilen über Aggression fraglos heikel. Wer bin ich denn, was will ich denn. Ich weiß nur so viel: Wenn die Worte ausgegangen sind, hat es noch nie geholfen, wenn man sich deshalb prügelt.